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Von deutſcher Heldenſage. 335
Herr Dieterich ſtund traurig und wandte ſich zur Seite, daß ſie
ihn nicht erkennten, und hielt mit Gewalt die Tränen an, denn
noch niemals war ihm das Leid ſo nah geſtanden. Er hieß
ſie zur Herberge führen und pflegen, und die Grafen ſprachen:
Wer war der, der ſeitab ſtand? der will uns ſicher wohl. Und
ſie lachten in Freud und Leid zugleich, aber kannten ihn nicht.
Anderen Tages nun lud die Kaiſerstochter die Vielgeprüften
zu Hofe und ſchenkte ihnen gute funkelnde Gewänder und ließ
ſie in die warme Badſtube ſetzen und einen Tiſch richten, ſie zu
atzen. Wie nun die Herren ſaßen und ihres Leids ein Teil ver⸗
gaßen, nahm Dieterich ſeine Harfe und ſchlich hinter den Um⸗
hang und ließ die Saiten erklingen: er griff die Singweiſe, die
er einſt gegriffen am Meeresſtrand. Lupolt hatte den Becher
erhoben, da entſank er ſeiner Hand, daß er den Wein nieder⸗
goß auf den Tiſch, und einer, der das Brot ſchnitt, ließ ſein
Meſſer fallen, und alle horchten ſtaunend: voller und heller
erklang ihres Königs Singweiſe. Da ſprang Lupolt über den
Tiſch und alle Grafen und Ritter ihm nach, als wär' ein Hauch
alter Kraft plötzlich über ſie gekommen, und ſie riſſen den
Umhang nieder und küßten den Harfner und knieten vor ihm,
und des Jubels war kein Ende.
Da wußte die Jungfrau, daß er treu und wahrhaft der
König Rother von Wikingland war, und tat einen lauten Freu⸗
denruf, daß Konſtantinus, ihr Vater, herzugelaufen kam —
er mochte wollen oder nicht, ſo mußte er ſie zuſammengeben,
und die Geſandten ſtiegen nimmermehr in ihren Kerker, und
Rother hieß nimmermehr Dieterich und küßte ſeine Braut und
fuhr mit ihr heim übers Meer und war ein glückſeliger Mann
und hielt ſie hoch in Ehren, und wenn ſie in Minne beiſammen
ſaßen, ſprachen ſie: Gelobt ſei Gott und Mannesmut und klu⸗
ger Kammerfrauen Liſt!
Das iſt die Mär vom König Rother ²²1¹)!
.. . Praxedis hatte lang erzählt.
Wir ſind wohl zufrieden, ſprach die Herzogin, und ob der
Schmied Weland den Preis davon tragen wird, ſcheint uns
nach Rothers Geſchichte ein weniges zweifelhaft. L
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