http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0102
338 Einundzwanzigſtes Kapitel.
Sie ſchritt mit verächtlichem Blick an Ekkehard vorüber.
Burkhard trug ihr die Schleppe. Ekkehard ſtand unbeweglich.
Der Kämmerer Spazzo klopfte ihm auf die Schulter: der Nacht⸗
falter war ein dummer Teufel, Herr Kaplan! ſprach er mit⸗
leidig. Ein Windſtoß kam und blies die Lichter aus. Er war
ein Mönch! ſprach Ekkehard gleichgiltig, ſchlafet wohl! —
Einundzwanzigſtes Kapitel.
Verſtoßung und Flucht.
Ekkehard war noch lang in der Gartenlaube geſeſſen, dann
war er hinausgerannt in die Nacht. Er wußte nicht, wohin der
Gang gehen ſollte. Des Morgens fand er ſich auf dem Fels
Hohenkrähen, der ragte in ſtiller Einſamkeit ſeit der Waldfrau
Abzug. Die Trümmer des ausgebrannten Hauſes lagen ver⸗
wirrt übereinander; wo einſt die Wohnſtube, ſtand noch der
Römerſtein mit dem Mithras, Farrenkraut und Riedgras war
darüber gerankt, eine Blindſchleiche lief züungelnd an dem wet⸗
tergedunkelten Götterbild hinauf.
Ekkehard fuhr in hellem Hohn zuſammen: Die Kapelle der
heiligen Hadwig! rief er und ſchlug ſich mit der Fauſt an die
Bruſt, ſo muß ſie ſein! Er ſtieß den Römerſtein um und ſtieg
auf die Felskuppe; dort warf er ſich nieder und preßte die
Stirn ins kühle Erdreich, das einſt Frau Hadwigs Fuß be⸗
rührt. Lange blieb er dort; als die Sonne in der Mittagshöhe
herunterbrannte, lag er noch oben — und ſchlief.
Vor Abend kam er auf den Hohentwiel zurück, heiß, verſtört,
unſicheren Ganges. Grashalme hafteten wirr in dem härenen
Geweb ſeiner Kutte. Die Leute der Burg wichen ſcheu vor ihm
zurück, wie vor einem, dem des Unglücks Finger ein Zeichen
auf die Stirn geſchrieben. Sonſt pflegten ſie ihm entgegenzu⸗
gehen und baten um ſeinen Segen.
Die Herzogin hatte ſein Fortſein wahrgenommen, aber nicht
nach ihm gefragt. Er ging in ſeine Turmſtube hinauf; er griff
ein Pergament, als ob er leſen wolle. Es war Gunzos Schrift
wider ihn. „Gern würde ich Euch ermahnen, ihm die Hilfe
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0102