Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 339
(PDF, 52 MB)
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Verſtoßung und Flucht. 339

heilender Arzneien angedeihen zu laſſen, aber ich fürchte, ſeine
Krankheit iſt zu tief eingewurzelt,“ las er drin. Er lachte.
Die gewölbte Decke gab einen Widerhall, da ſprang er auf, als
wollt' er erſpähen, wer gelacht. Dann trat er ans Fenſter und
ſchaute in die Tiefe; es ging weit, weit hinab. Ein Schwindel
wollte ihn faſſen, da wich er zurück.
Des alten Thieto Fläſchlein ſtand bei den Büchern, das
machte ihn wehmütig. Er gedachte des Blinden. Frauendienſt
iſt ein ſchlimm Ding für den, der gerecht bleiben will, hatte
der einſt zu ihm geſprochen, wie er Abſchied nahm.
Er riß das Siegel von dem Fläſchlein und goß ſich das
Jordanwaſſer übers Haupt und netzte die Augen. Es war zu
ſpät. Auch die Flut heiliger Ströme löſcht die Glut des Her⸗
zens nicht; nur dem, der ſich hinunterſtürzt, um nimmer auf⸗
zutauchen... Doch kam ein Anflug von Ruhe über ihn. Ich
will beten! ſprach er, es iſt eine Verſuchung. Er warf ſich
auf die Knie, aber bald war's ihm, als ſchwirrten die Tauben
um ſein Haupt, wie damals, als er zuerſt die Turmſtube betrat,
aber ſie hatten itzt grinſende Geſichter und einen höhniſchen
Zug um die Schnäbel.
Er ſtand auf und ging langſam die Wendeltreppe hinunter
zur Burgkapelle. Der Altar drunten war Zeuge frommer An⸗
dacht an manchem guten Tag. In der Kapelle war's wie ehe⸗
dem, dunkel und ſtill. Sechs ſchwere Säulen mit würfelförmi⸗
gem laubwerkverziertem Knauf trugen die niedere Wölbung;
ein feiner Streif Tageslicht fiel durchs ſchmale Fenſter herein.
Die Tiefe der Niſche, wo der Altar ſtund, war ſchwach er⸗
leuchtet; nur der Goldgrund um das Moſaikbild des Erlöſers
glänzte in mattem Flimmern. Griechiſche Künſtler hatten die
Formen ihrer Kirchenausſchmückung einſt auf den deutſchen
Fels getragen: in weißem wallendem Gewand, goldroten Schein
ums Haupt, hob ſich des Heilands hagere Geſtalt, die Finger
der Rechten ſegnend ausgeſtreckt.
Ekkehard neigte ſich vor den Stufen des Altars; ſeine Stirn
ruhte auf den Steinplatten — ſo blieb er, in ſich verſunken.
„Der du die Leiden der Menſchen auf dich genommen, laß aus⸗
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