Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 341
(PDF, 52 MB)
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Verſtoßung und Flucht. 341

beſchirme mich vor dem Antlitz der Gottloſen, die mich plagen.
Meine Feinde haben meine Seele umgeben; ihr Herz iſt mir
verſchloſſen, ihr Mund hat Hochmut geredet.“ Er ſprach's mit
böſem Tone. Das war kein Beten mehr.
Frau Hadwig neigte ſich zum Sarkophag. Sie hätte gern
einen zweiten drauf getürmt, daß er ſie vekberge vor Ekkehards
Blick. Sie wünſchte kein Alleinſein mehr. Ihr Herz ſchlug ruhig.
Er ging zur Pforte.
Da plötzlich wandte er ſich; die ewige Lampe ſchwebte leiſe
über Frau Hadwigs Haupt hin und her, das ſchwebende Däm⸗
merlicht hatte ſein Aug' getroffen... mit einem Sprung, mäch⸗
tiger als der, den der heilige Bernhard in ſpäteren Tagen durch
den Dom zu Speier tat, da ihm das Marienbild gewinkt, ſtand
er vor der Herzogin. Er ſchaute ſie lang und durchbohrend
an. Sie erhob ſich vom Boden, mit der Rechten den Rand des
Steinſarges faſſend, ſtand ſie ihm gegenüber, an ſeidener
Schnur wiegte ſich die ewige Lampe über ihrem Haupt.
Glückſelig ſind die Toten, man betet für ſie! brach Ekkehard
das Schweigen.
Frau Hadwig erwiderte nichts ²3).
Betet Ihr auch für mich, wenn ich tot bin? fuhr er fort.
O, Ihr ſollt nicht für mich beten!... einen Pokal laßt Euch
aus meinem Schädel machen, und wenn Ihr wieder einen
Pörtner holt aus dem Kloſter des heiligen Gallus, ſo müßt
Ihr ihm den Willkommtrunk draus reichen — ich laß ihn
grüßen! Dürft auch ſelber Eure Lippen dran ſetzen, er ſpringt
nicht. Aber das Stirnband müßt Ihr dabei ums Haupt tragen
und die Roſe drin..
Ekkehard! ſprach die Herzogin, — Ihr frevelt!
Er fuhr mit der Rechten an die Stirn: O! ſprach er weh⸗
mütig — o ja!.. . der Rhein frevelt auch: ſie haben ihm mit
rieſigen Felſen den Lauf verbaut, aber er hat ſie durchnagt
und brauſt drüber weg in Schaum und Sturz und Vernichtung,
Glück auf, du freier Jugendmut!... Und Gott frevelt auch,
denn er hat den Rhein werden laſſen und den hohen Twiel und
die Herzogin von Schwaben und die Tonſur auf meinem Haupt.


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