Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 344
(PDF, 52 MB)
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344 Einundzwanzigſtes Kapitel.

der Kirche auf; ein greller Strahl Tageslicht drang ins Düſter
— ſie waren nicht mehr allein.
Rudimann, der Kellermeiſter von Reichenau, trat über die
Schwelle, Geſtalten erſchienen im Grunde des Burghofs.
Die Herzogin war entfärbt in Scham und Zorn, eine Flechte
ihres dunkeln Haupthaares wallte aufgelöſt über den Nacken.
Entſchuldiget, ſprach der Mann von Reichenau mit grinſend
höflichem Ausdruck, meine Augen haben nichts geſchaut!
Da rang Frau Hadwig ſich von Ekkehard los. Doch —
und doch — und doch! Einen Wahnſinnigen habt Ihr ge⸗
ſchaut, der ſich und Gott vergeſſen.. . Es wär' mir leid um
Eure Augen, ich müßte ſie ausſtechen laſſen, wenn ſie nichts
erſchaut.
Es war eine unſäglich kalte Hoheit, mit der ſie's dem Be⸗
troffenen entgegen rief.
Da erklärte ſich Rudimann den ſeltſamen Vorgang.
Ich habe vergeſſen, ſprach er mit Hohn, daß dort einer von
denen ſteht, auf die weiſe Männer das Wort des heiligen
Hieronymus gezogen: Ihr Gebaren ziemt ſich mehr für einen
Stutzer und Bräutigam denn für einen Geweihten des Herrn.
Ekkehard ſtand an eine Säule gelehnt, die Arme in die
Luft erhoben, wie Odyſſeus, da er den Schatten ſeiner Mutter
umfahen wollte; Rudimanns Wort riß ihn aus dem Fieber⸗
traum. Wer tritt zwiſchen mich und ſie? rief er drohend.
Aber Rudimann klopfte ihm mit unverſchämter Vertraulichkeit
auf die Schulter: Beruhigt Euch, guter Freund, wir haben nur
ein Brieflein an Euch abzugeben, der heilige Gallus kann ſeinen
weiſeſten Schüler nicht länger draußen laſſen in der wankenden,
ſchwankenden Welt, Ihr ſeid heimgerufen! — Vergeßt den
Stock nicht, mit dem Ihr die Mitbrüder mißhandelt, die im
Herbſt gern einen Kuß pflücken, keuſcher Sittenrichter! flüſterte
er ihm ins Ohr. G
Ekkehard trat zurück. Sehnſucht, Wut der Trennung, glü⸗
hend Verlangen und daraufgegoſſener Hohn ſtürmten in ihm;
er rannte auf Frau Hadwig, aber ſchon füllte ſich die Kapelle.
Der Abt von Reichenau war ſelber gekommen, die Freude von


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