Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 346
(PDF, 52 MB)
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346 Einundzwanzigſtes Kapitel.

Burgkapelle dorthin verbracht, lagen unheimlich umher. Man
hatte ihm einen Bund Stroh hineingeworfen. Ein Mönch ſaß
vor dem Eingang und hielt Wache.
Burkhard, der Kloſterſchüler, lief auf und nieder und rang
klagend die Hände, er konnte ſeines Ohms Geſchick nicht faſ⸗
ſen. Die Leute der Burg ſteckten die Köpfe zuſammen und
wiſperten und führten törige Reden, als ob die hundertzüngige
Fama auf dem Giebel des Burgdachs geſeſſen und ihre Lügen
ausgeſtreut hätte: Er hat die Herrin ermorden wollen, ſprach
der eine; er hat des Teufels Künſte getrieben mit ſeinem
großen Buch, ſprach ein anderer, heut iſt Sankt Johannistag,
da hat der Teufel keine Macht und konnte ihm nicht aus der
Klemme helfen.
Am Brunnen im Burghof ſtand Rudimann, der Kellermei⸗
ſter, und ließ das klare Waſſer über ſein Haupt ſtrömen;
Ekkehard hatte ihm eine ſcharfe Schramme gehauen, zäh und
unwillig rieſelte ſein Blut in den fremden Quell.
Praxedis kam herunter, blaß und trüb; ſie war die einzige
Seele, die ein aufrichtig Mitleid um den Gefangenen trug.
Wie ſie den Kellermeiſter erſah, ging ſie in Garten, riß eine
blaue Kornblume mit der Wurzel aus und brachte ſie ihm:
Nehmet, ſprach ſie, und haltet ſie mit der Rechten, bis ſie
drin erwarmt, das ſtillet Euer Blut. Oder ſoll ich ein Lin⸗
nen zum Verband bringen?
Er ſchüttelte das Haupt.
Es wird von ſelber aufhören, wenn's Zeit iſt, ſagte er, es iſt
nicht mein erſter Aderlaß. Behaltet Eure Kornblumen für Euch!
Aber Praxedis gedachte den Feind Ekkehards milde zu ſtim⸗
men. Sie holte Leinwand. Da ließ er ſich verbinden. Er
ſprach keinen Dank.
Laßt Ihr den Ekkehard heut nimmer frei? fragte ſie.
Heut? ſprach Rudimann höhniſch. Drängt es Euch, einen
Kranz zu winden für den Bannerträger des Antichriſt, den
Vorſpann am Wagen des Satan, den Ihr da oben gehegt und
geheckt, als wär' er der herzliebe Sohn Benjamin? Heut?
fraget einmal nach Monatfriſt drüben an.


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