Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 349
(PDF, 52 MB)
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Verſtoßung und Flucht. 349

Der Abt hatte ihr das Schreiben von Sankt Gallen zuſtel⸗
len laſſen. Benediktus' Regel, ſo ſtand geſchrieben, verlange
nicht nur den äußeren Schein mönchiſchen Lebens, ſondern ein
Mönchtum mit Leib und Seele: Ekkehard ſei heim gerufen.
Aus Gunzos Schrift war etliches wider ihn angeführt.
Es war ihr gleichgiltig. Was ihm in den Händen ſeiner
Gegner bevorſtehe, wußte ſie. Sie war entſchloſſen, nichts für
ihn zu tun. Praxedis klopfte zum zweitenmal an. Es ward
nicht aufgetan. O du armer Nachtfalter! ſprach ſie traurig.
Ekkehard lag in ſeiner Kerkerhaft wie einer, der einen wir⸗
ren Traum geträumt hat. Vier kahle Wände waren um ihn,
von oben ein ſchwacher Lichtſchimmer. Oft zitterte er noch, als
ſchüttle ihn Froſt. Allmählich legte ſich ein wehmütig Lächeln
der Entſagung um die Lippen; es blieb ſich nicht gleich —
mitunter ballte er die Fauſt in heftiger Zorneserregung.
Es iſt mit des Menſchen Gemüt wie mit dem Meere. Hat
der Sturm auch ausgetobt, ſo wogt und brandet es noch lange
ſtärker als ſonſt und untereinsmal ſchäumt wieder ein nachzü⸗
gelnder Wellenſturz gewaltig auf und jagt die Möwen vom Fels.
Aber Ekkehards Herz war noch nicht gebrochen. Dafür war
es zu jung. Er begann die Lage zu überdenken. Die Aus⸗
ſicht in die Zukunft war ſehr unerquicklich: er kannte ſeines
Ordens Regel und geiſtlichen Brauch und kannte die Männer
der Reichenau, daß ſie ſeine Feinde waren.
Mit großen Schritten durchmaß er den engen Raum: Au⸗
mächtiger Gott, den wir anrufen dürfen in der Heimſuchung,
wie ſoll das enden? Er ſchloß die Augen und warf ſich auf
ſein Lager. Wirre Bilder zogen an ſeiner Seele vorbei.
Und er ſchaute mit dem inneren Geſichte des Geiſtes, wie
ſie ihn in der Morgenfrühe hinausſchleppten; auf hohem Stein⸗
ſtuhl ſaß der Abt und hielt ſeinen Hakenſtab als Zeichen, daß
Gericht ſei, und ſie laſen eine lange Anklage vor... Alles in
demſelben Burghof, in dem er einſt jubelnden Herzens aus der
Sänfte geſprungen, in dem er am düſtern Karfreitag die Pre⸗
digt wider die Hunnen gehalten, — und die Männer des Ge⸗
richts fletſchten die Zähne wider ihn.


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