Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 353
(PDF, 52 MB)
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Verſtoßung und Flucht. 353

Sie gingen in das Gärtlein. Ein Windſtoß fuhr rauſchend
durch die Wipfel des Ahorn. Ekkehard wußte kaum, wie ihm
geſchah; er ſchwang ſich auf die Bruſtwehr, ſteil und zackig
ſenkten ſich die Klingſteinfelſen in die Tiefe, dunkler Abgrund
gähnte zu ihm herauf, am düſtern Himmel jagten ſich die Wol⸗
ken, es waren unheimliche plumpe Maſſen, fratzenhaft, als
wenn zwei Bären einen geflügelten Drachen verfolgten... dann
verſchwammen die Gebilde ineinander, der Wind peitſchte ſie
zu dem matt in der Ferne ſchimmernden Bodenſee. In dunk⸗
lem Umriß lag die Landſchaft.
Geſegnet ſei Euer Weg! ſprach Praxedis.
Ekkehard ſaß ſtarr auf der niederen Mauerzinne, er zog ſeine
Hand nicht von der der Griechin, wehmütiger Dank durchwogte
ſein ausgeſtürmt Herz. Da ſchmiegte ſich ihre Wange an die
ſeine, auf ſeinen Lippen zitterte ein Kuß, eine Träne perlte
drauf nieder. Sanft wand ſich Praxedis von ihm.
Vergeſſet nicht, ſprach ſie, daß Ihr noch eine Geſchichte
ſchuldig ſeid. Mög' Euch Gott bald wieder zu dieſem Garten⸗
platz geleiten, daß wir ſie aus Eurem Munde vernehmen.
Jetzt ließ ſich Ekkehard nieder; noch einmal winkte er mit der
Hand, dann ſchwand er aus ihren Augen. Die Stille der Nacht
unterbrach ein Dröhnen und Klingen am Gefelſe, die Griechin
ſchaute hinab: Eine Felsplatte hatte ſich losgelöſt und ſtürzte
ſchmetternd zu Tal, eine zweite folgte langſameren Falles, oben
auf der zweiten ſaß Ekkehard und lenkte ſie wie ein Reiter
ſein Roß, ſo ging's den ſchiefen Berghang hinunter ins Dunkel
der Nacht... Fahr wohl!
Sie bekreuzte ſich und ging zurück, lächelnd in aller Be⸗
trübnis. Der Kloſterbruder ſchlief noch immer. Im Vorbei⸗
gehen ſah Praxedis den Aſchenkorb im Hofe ſtehen, den griff
ſie, ſchlich in Ekkehards Verließ und ſchüttete ihn inmitten des
Gemaches aus, als wäre das alles, was von des Gefangenen
ſterblichem Teil übrig geblieben.
Warum ſchnarchſt du ſo ſtark, Hochachtbarer? ſprach ſie und
enteilte.

Scheffel. v/VI. 23


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