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354 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
Auf dem Wildkirchlein.
Jetzund, vielteurer Leſer, umgürte deine Lenden, greif' zum
Wanderſtab und fahr' mit uns zu Berge. Aus den Niederungen
des Bodenſees zieht unſere Geſchichte ins helvetiſche Alpenland
hinüber: dort ragt der hohe Säntis vergnüglich in die Him⸗
melsbläue, wenn er juſt nicht vorzieht, die Nebelkappe ums
Haupt zu hüllen, und ſchaut lächelnd in die Tiefen, wo der
Menſchen Städte zu eines Ameiſenhaufens Größe zuſammen⸗
ſchrumpfen; und um ihn ſteht eine Landsgemeinde ſtolzer Ge⸗
ſellen verſammelt, von gleichem Schrot und Korn, die recken
ihre kahlen Scheitel einander entgegen und blaſen ſich Nebel⸗
wolken zu, ein Rauſchen und Sauſen zieht durch ihre Schlüfte,
und was ſie über menſchliches Dichten und Treiben ſich zu⸗
flüſtern, klang vor tauſend Jahren ſchon ziemlich veräͤchtlich
und hat ſich ſeither nicht um vieles gebeſſert.
Ohngefähr zehn Tage, nachdem die Mönche der Reichenau
im Hohentwieler Burgturm an Stelle eines Gefangenen ein
Häufchen Aſche vorgefunden und viel Verhandlung gepflogen
hatten, ob ihn in böſer Mitternacht der Teufel bewältigt und
zu Aſche verbrannt oder ob er entwichen ſei, ſchritt ein Mann
längs dem weißgrünſchäumenden Sitterbach über ſprießende
Matten und Felsgeſtein bergaufwärts.
Er trug einen Mantel aus Wolfsfell über ein mönchiſch
Gewand, eine lederne Taſche umgeſ chlagen, in der Rechten einen
Speer. Oftmals ſtieß er die eherne Spitze ins Erdreich und
ſtemmte ſich am Schaft, die Waffe als Bergſtock nutzend.
Rings um ihn ſtille tiefe Einſamkeit. Langgeſtreckte Nebel⸗
ſtreifen lagen über dem wilden Tal, wo die Sitter dem See⸗
alpſee entſpringt, aber hoch drüber weg ſchauten grimmige
Steinwände, von ſpärlichem Grün umſäumt, himmelan. Die
Berghalden, wo jetzt in ſchindelumhüllten Hütten ein fröhlich
Hirtenvolk zahlreich niſtet, waren damals zumeiſt öde und ſpär⸗
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