Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 355
(PDF, 52 MB)
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Auf dem Wildkirchlein. 355

lich bewohnt; nur fern in der Niederung des Tals ſtund die
Zelle des Abts von Sankt Gallen und wenig Behauſungen
dabei. Nach der blutigen Feldſchlacht bei Zülpich war eine
kleine Schar freiheitsliebender alemanniſcher Männer, die dem
Franken ihren Nacken zu beugen nimmer erlernen mochten, in
dieſe Einöde gezogen ²1); in zerſtreuten Anſiedelungen ſaßen
ihre Nachkommen und trieben in Sommerszeit ihre Herden zur
Alp, kräftig verſtändige Bergbewohner, die, unangetaſtet vom
Lärm der Welt, ein einfach freies Leben genoſſen und den fol⸗
genden Geſchlechtern vererbten.
Steiler und rauher ward der Pfad, den der Mann einſchlug.
Jetzt ſtund er unter ſenkrecht aufſtarrender Felswand; ein
ſchwerer Waſſertropfen war aus dem Kalkgeſtein auf ſein Haupt
niedergetrauft, da ſchaute er prüfend empor, ob der grauen⸗
hafte überhang noch anhalte mit dem Einſturz, bis er vor⸗
über. Aber Felswände vermögen länger im ſchiefen Zuſtand
zu verharren als das, was Menſchenhände bauen; es ſtürzte
nichts herab als ein zweiter Tropfen.
Mit der Linken am Geſtein ſich anlehnend, ſchritt der Mann
vorwärts. Immer ſchmäler ward der Steig, der ſchwarze Ab⸗
grund zur Seite rückte näher, ſchwindelnde Tiefe gähnte herauf
... jetzt ſchwand auch die letzte Spur eines Pfades. Zwei mäch⸗
tige Fichtenſtämme waren als Brücke über den Abgrund gelegt.
Es muß ſein! ſprach der Mann und ſchritt unverzagt drüber.
Er atmete hoch auf, wie er drüben wieder Boden unter den
Füßen verſpürte, und machte Halt, um ſich den grauſigen
Platz zu betrachten. Es war ein ſchmaler Felsvorſprung, über
und unter ihm ſenkrechte gelbgraue Steinwand, in der Tiefe,
kaum ſichtbar, ein Silberſtreif im Grün des Tales, der Wald⸗
bach Sitter, und, ſcheu verſteckt im Tannendunkel, der meer⸗
farbige Spiegel des Seealpſees. Genüber, gepanzert und ge⸗
wappnet, die Schar der Bergesrieſen — die Feder will zu fröh⸗
lichem Sang aufjodeln, da ſie ihre Namen ſchreiben ſoll: der
langgeſtreckte rätſelvolle Kamor, die gewaltigen Mauern der
Boghartenfirſt und Sigels Alp und Maarwieſe, auf deren
Zinnen wie Moos auf den Dächern würziger Graswuchs grünt,


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