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356 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
dann der Hüter des Seegeheimniſſes, der „alte Mann“ mit
runzelgefurchter Steinſtirn und weißumſchneitem Haupt: des
hohen Säntis Kanzler und Buſenfreund.
Ihr Berge des Herrn, benedeiet den Herrn! ſprach der Wan⸗
dersmann, ergriffen von der Wucht des Eindrucks. Viel hun⸗
dert Bergſchwalben flatterten aus den Spalten des Geſteins.
Ihr Flug ſoll gute Vorbedeutung ſein.
Er tat etliche Schritte vorwärts. Da war die Felswand
mächtig zerklüftet, eine doppelte Höhle tat ſich auf; aus rohem
Schaft zuſammengefügt, ſtand ein ſchmucklos Kreuz dabei, Tan⸗
nenſtämme, an der einen Höhlenwand zum Blockhaus geſchich⸗
tet und nach Art der damals üblichen Kriegsgerüſte oder Be⸗
lagerungstürme mit zuſammengefügtem Flechtwerk überdacht,
deuteten auf menſchliches Anweſen. Kein Laut unterbrach die
Stille.
Der Fremde kniete vor dem Kreuz nieder und betete lang.
Es war Ekkehard, — der Ort, wo er betete, das Wild⸗
kirchlein.
Unverſehrt war er auf ſeinem Bergrutſch, als ihn Praxedis
befreit, in die Tiefe gefahren; der andere Morgen fand ihn er⸗
ſchöpft beim alten Moengal in Radolfzelle. „Ach, daß ich in
der Wüſte ein Hüttlein der Wandersleute haben könnte, ſo
wollte ich mein Volk verlaſſen und mich von ihnen abſondern,
denn ſie ſind Lügner und treulos allzuſammen,“ ſprach er
mit den Worten des Propheten ²²), nachdem er dem Leut⸗
prieſter ſein Leid geklagt.
Da wies ihm der Alte den Säntis.
Haſt recht, ſprach Moengal. Der heilige Gallus hat's eben⸗
ſo gemacht. „In der Einſamkeit will ich verharren und auf den
warten, der meine Seele geſund machen ſoll“ ²53): er wär'
vielleicht kein Heiliger geworden, wenn er anders geſagt und
getan hätte. Verbeiß deinen Schmerz. Wenn der Adler ſiech
wird und ſeine Augen dunkeln und ſeine Federn zergehen wol⸗
len, ſteigt er himmelan, ſo weit ihn ſeine Schwingen tragen 2²54).
Sonnennähe verjüngt. Tue desgleichen. Ich weiß dir ein gut
Plätzlein zum Geſunden.
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