Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 357
(PDF, 52 MB)
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Auf dem Wildkirchlein. 357

Er beſchrieb ihm den Weg.
Du wirſt einen droben finden, fuhr er fort, der ſeit zwanzig
Jahren nicht mehr viel von der Welt geſehen hat, er heißt
Gottſchalk. Grüß ihn von mir; ſo Gott will, ſind ſeine Sünden
vergeben.
Der Leutprieſter verſchwieg aber, um welcher Sünden willen
ſein ehemaliger Freund dort Buße tat. Den hatte in teuern
Zeiten das Kloſter einſt ins Welſchland geſendet, Korn einzu⸗
kaufen, da kam er gen Verona und ward gut aufgenommen vom
ſtreitſüchtigen Biſchof Ratherius, und tat ſeine Andacht in
der ehrwürdigen Kathedralkirche. Dort lag unverſchloſſen im
güldenen Sarg der Leib der heiligen Anaſtaſia, und die Kirche
war leer, und den Gottſchalk verführte der Teufel, daß er nach
Deutſchland wollte ein Angedenken mitbringen, da nahm er
von der Heiligen Leib, ſoviel er unter ſeiner Kutte mitſchleppen
konnte ²55): einen Arm und einen Fuß und etliche Wirbel⸗
knochen, und fuhr heimlich von dannen ²56). Aber ſeine Ruhe
war verloren von jener Stunde, in Wachen und Traum ſtand
die Heilige vor ihm, ſie ging an der Krücke verſtümmelt und
zerriſſen und forderte ihren Arm zurück und ihren Fuß — über
Schluchten und Alpenpäſſe folgte ſie ihm, an der Schwelle des
heimiſchen Kloſters trat ſie ihm dräuend entgegen: da warf er
halb wahnſinnig die Reliquienbeute von ſich und floh auf die
Höhen beim Säntis, den Lebensreſt büßend zu verbringen, und
ſchuf ſich dort ſeine Klauſe.
Zwei Tage hatte der alte Moengal ſeinen jungen Freund
beherbergt, dann ſchaffte er ihn nächtlich über den See. Geh'
mir nicht ins Kloſter zurück, ſprach er beim Auseinandergehen,
daß dich das dumme Gerede nicht umbringt. Spott ſchadet
mehr als Strafe. Es gehört dir ein Denkzettel, aber die friſche
Luft ſoll dir ihn bringen, die hat ein Recht dazu, die andern
nicht. Speer und Wolfspelz ſchenkte er ihm zum Abſchied.
Scheu und heimlich zog Ekkehard von dannen. Es war eine
bittere Empfindung, da er nächtlich an ſeinem noch halb in
Trümmern liegenden Kloſter vorüberſchlich; etliche Lichter
glänzten zu ihm herüber, er beflügelte ſeinen Schritt. Auch


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