http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0122
358 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
an der Abtszelle im Gebirgsland zog er ohne Ankehr vorbei,
er wollte von des Kloſters Leuten nicht erkannt ſein.
. . . Jetzt war ſein Gebet beendigt. Er ſchaute erwartungs⸗
voll nach dem Höhleneingang, ob Gottſchalk, der Einſiedel, nicht
heraustrete und den neuen Ankömmling begrüße. Es regte ſich
nichts, die Höhle ſtund leer. Sancta Anastasia, ignosce rap-
tori! Heilige Anaſtaſia, verzeihe deinem Räuber! war mit ein⸗
getrocknetem Kräuterſaft an die lichte Felswand angeſchrieben.
Ein ſteingehauener Trog fing das herabtropfende Felswaſſer:
es lief über den Rand herab.
Er trat in die Kammer. Etliche tönerne Schüſſeln ſtanden
bei einer Steinplatte, die als Herd gedient haben mochte. Ein
grobgarniges Fiſchnetz lag in der Ecke, Hammer, Spaten, ein
verroſtet Beil dabei, auch viel zugeſchnittene Kienſpäne.
Auf tannenen Scheitern war eine Streu geſchüttelt, von
Moder und Gewürm zerfreſſen. Zwei Ratten ſprangen, vom
Eintretenden verſcheucht, in eine Spalte des Bodens.
Gottſchalk! rief Ekkehard durch die hohle Hand. Dann tat er
einen Schrei, wie er unter Leuten im Gebirg als Anruf üblich
iſt. Aber niemand erſchien. Nähere Umſchau zeigte, daß der
Einſiedel nicht erſt ſeit heute die Klauſe verlaſſen. In einem
Krug war Milch zur Kruſte eingetrocknet. Da trat Ekkehard
betrübt wieder auf den ſchmalen Streif Erdreich, der zwiſchen
Höhle und Abgrund das Stehen ermöglichte. Sein Blick wandte
ſich zur Linken. In weiter Ferne blaute ein Stück Bodenſee
über den Bergrücken. Die Pracht der Gebirgswelt vermochte
nicht ein Gefühl von unendlichem Weh zu bannen. Einſam und
gottverlaſſen ſtand er auf der jachen Höhe. Er reckte ſein Ohr,
als müſſe er eines Menſchen Stimme erlauſchen. Aber nur das
einförmig leiſe Rauſchen des Windes durch die Tannen der
Tiefe tönte herauf.
Seine Augen wurden feucht.
Es war ſpät geworden. Wohin?... Ein ſtarker Hunger zer⸗
ſtreute ſeine Gedanken. Er trug noch für drei Tage Speiſe
bei ſich. Da ſetzte er ſich vor die Höhle und verzehrte unter
Tränen ſeinen Abendimbiß. Sein Berg warf lange blaue
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0122