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Auf dem Wildkirchlein. 359
Schatten auf die Wände genüber, nur die ſteinernen Gipfel
glühten noch im Sonnenlicht.
Solang das Kreuz am Felſen ſteht, werd' ich nie ganz ver⸗
laſſen ſein! ſprach er. Er trug etliches Gras vom Abhang
zuſammen und richtete ſich ein Lager auf die Stelle des ver⸗
moderten. Kühle Nachtluft zog herauf. Da hüllte er ſich in
Moengals geſchenkten Mantel und legte ſich nieder. Der Schlaf
iſt ein gutes Heilmittel für die Leiden der Jugend. Er kam
auch über Ekkehard trotz Herzeleid und einſamer Felswildnis.
Die erſte Dämmerung des Morgens zog über dem Haupte
des Kamor auf, nur der Tagſtern ²⁵7) ſchien noch in ſchöner
Farbe, da fuhr Ekkehard aus dem Schlummer. Es war ihm,
als hab' er ein luſtig ſcharfes Hirtenjauchzen gehört. Dann
glänzte im tiefen dunkeln Grund der Höhle ein Licht auf. Er
glaubte zu träumen, als läg' er noch im Kerker, und Praxedis
nahe befreiend. Aber das Licht kam näher, Fackelglanz bren⸗
nenden Kienſpans; eine hochgeſchürzte Maid trug die einfache
Leuchte. Er ſprang auf. Unerſchrocken ſtand ſie vor ihm und
ſprach: Gott willkommen!
Es war ein keck halbwildes Weſen von gelblicher Hautfarbe
und ſprühenden Augen, aus den Flechten des dunkelſchwarzen
Haares glänzte eine ſchwere ſilberne Nadel in Form eines Löf⸗
fels, der geflochtene Korb auf dem Rücken und der Alpſtock in
der Rechten bezeichnete die Bewohnerin der Berge.
Heiliger Gallus beſchirme mich vor neuer Verſuchung! dachte
Ekkehard, aber ſie rief vergnügt: Gott willkommen noch ein⸗
mal! Der Vater wird recht froh ſein, daß wir einen neuen
Bergbruder haben. Man merkt's an der wenigen Milch der
Kühe, ſagt er immer, daß der alte Gottſchalk tot iſt.
Es klang nicht wie die Stimme eines weiblichen Dämon.
Ekkehard war noch ſchlaftrunken. Er gähnte. Vergelt's
Gott! ſprach die Maid. Warum vergelt's Gott? fragte er.
Weil Ihr mich ſoeben nicht verſchluckt habt! lachte ſie, und
eh' er weiter fragen konnte, woher und wohin, ſprang ſie mit
dem Kienſpan zurück und verſchwand in der Höhle.
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