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362 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
Ekkehards Gemüt klang es wie ein ſtolz demütiges Morgen⸗
gebet.
Ihr bleibet bei uns, ſprach der alte Senn, ich ſeh Euch's an
den Augen an.
Ich bin ein landfremder Mann, erwiderte Eklehard traurig,
mich hat der Abt nicht geſendet.
Das gilt gleich, rief der Alte. Wenn's uns recht iſt und dem
Säntis dort droben, ſo hat niemand was drein zu reden. Des
Abts Twing und Bann reicht nicht in unſere Höhen, wir zah⸗
len ihm den Herdenzins, wenn ſeine Vögte am Milchprüfungs⸗
tag ²59) zur Schau unſerer Senntümer heraufkommen, weil's
alter Brauch iſt, aber ſonſt: Sein' Grund und Boden pflanz' ich
nicht, nach ſeiner Pfeife tanz' ich nicht 26⁰), heißt's hier zu Lande.
Schaut her! — er wies Ekkehard eine graue Bergſpitze, die
aus langgeſtreckten Eisfeldern einſam aufragte — das iſt der
hohe Säntis, der iſt Herr in den Bergen, vor dem ſchwenken
wir den Hut, ſonſt vor niemand. Dort zur Rechten iſt der
blaue Schnee; da war früher Alm und Weide und ſaß ein über⸗
mütiger Mann drauf, der war ein Rieſe, und ihm wuchſen die
Herden und der Stolz, daß er ſprach: ich will König ſein über
alles, was mein Auge umfaßt! Aber in des Säntis Tiefen hub
ſich ein Donnern und Beben, und der Felsgrund regte ſich, und
Eisſtröme rannen hervor und deckten den Rieſen ſamt Hütte
und Stall und Vieh und Alm, und vom blauen Schnee weht's
jetzt noch frierend herunter, — ein Denkzeichen, daß neben dem
Alten der Berge keiner zur Herrſchaft berufen!
Der Hirt ſchuf Ekkehard Vertrauen. Trotzige Kraft und gutes
Herz ſtrömte in ſeinen Worten. Sein Kind hatte einen Strauß
Alpenroſen gepflückt und reichte ſie Ekkehard dar.
Wie heißt du? fragte er.
Benedicta, ſprach ſie.
Das iſt ein guter Name, ſagte Ekkehard und ſteckte die Alpen⸗
roſen in den Gürtel ſeiner Kutte; ich bleibe bei euch.
Da ſchüttelte ihm der alte Senne die Rechte, daß ſie in ihren
Grundfeſten erbebte, dann griff er das Alphorn, das er an roh⸗
häutigem Riemen auf der Schulter trug, und blies ein ſeltſam
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