Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 363
(PDF, 52 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Auf dem Wildkirchlein. 363

klingendes Zeichen. Aus Höhen und Tiefen klang's antwortend
herüber, die benachbarten Sennen kamen herbei, ſtarke wilde
Hirten, und ſtanden zu dem Alten, den ſie in der Frühlingszeit
ſeiner Tüchtigkeit halber zum Alpmeiſter und Aufſeher über die
Bergweiden der Ebenalp erwählt.
Wir haben einen Bergbruder überkommen, ſprach er, es wird
keiner von euch dawider ſchelten und toſen 261)?
Und ſie erhoben alle die Hände als Zeichen der Zuſtimmung
und gingen auf Ekkehard zu und hießen ihn willkommen, und
er ward gerührt und machte das Zeichen des Kreuzes über ſie.
So ward Ekkehard Einſiedel auf dem Wildkirchlein und wußte
eigentlich ſelber nicht wie. Der Senn von der Ebenalp hielt
Wort und half ihm, ſich einzurichten, und ſtellte ihm drei Zie⸗
gen ein und wies ihm den Pfad zwiſchen Kluft und Spalt
zum Seealpſee hinunter, wo die großen Forellen ſchwimmen,
und ſchindelte ihm die Lücken zu, die tropfend Gewäſſer und
Unbill des Wetters in das Dach von Gottſchalks Blockhaus ge⸗
ſchlagen. Mählich gewöhnte ſich Ekkehard an die Enge des Rau⸗
mes vor ſeiner Behauſung, und wie der nächſte Sonntag kam,
trug er das hölzerne Kreuz ins Innere der vorderen Höhle,
wand einen Kranz Blumen drum, zog die Glocke, die aus Gott⸗
ſchalks Zeiten am Eingang hing — (ſie trug das Zeichen Tan⸗
chos, des tückiſchen Glockengießers von Sankt Gallen), und als
ſeine Sennen mit Buben und Mägdlein beiſammen waren, hielt
er der kleinen Gemeinde eine Predigt über das Evangelium von
der Verklärung und ſprach darüber, daß ein jeder Menſch, der
mit rechtem Sinn zu Bergeshöhen ſteige, ein verkläreter werde.
Und wenn auch Moſes und Elias nicht zu uns herabtreten, rief
er, ſo haben wir den Säntis und den Kamor bei uns ſtehen,
das ſind auch Männer eines alten Bundes, und es iſt gut bei
ihnen ſein!
Seine Worte waren groß und keck, und er wunderte ſich,
daß ſie ihm ſo entſtrömten, denn es war ſchier ketzeriſch, und
er hatte in keinem Kirchenvater ſolch Gleichnis geleſen. Aber
den Sennen war's recht und den Bergen auch, und niemand
tat Einſprache.


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