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364 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
Des Mittags kam Benedicta, das Hirtenkind; ein ſilbern
Kettlein ſchmückte das Sonntagsmieder, das wie ein Panzer
die Bruſt umſchloß. Sie brachte einen ſaubern eſchenholzenen
Milchkübel, drauf war in kunſtloſen Linien eine Kuh geſchnitzt.
Den ſchickt Euch der Vater, ſagte ſie, darum, daß Ihr ſo aufer⸗
baulich geprediget und von den Bergen Gutes geſprochen —
und wenn Euch einer was Leides tun will, ſollt Ihr wiſſen,
wo die Ebenalp ſteht.
Sie warf etliche Handvoll Haſelnüſſe aus ihrer Schurztaſche
in das Milchgefäß: die hab' ich für Euch gepflückt, ſagte ſie,
und ich weiß noch mehr, wenn ſie Euch ſchmecken.
Bevor ſich Ekkehard bedanken konnte, war ſie in der Höhlen⸗
tiefe verſchwunden.
Schwarzbraun ſind die Haſelnüſſ'
Und ſchwarzbraun bin auch ich,
Und wenn mich einer lieben will,
So muß er ſein wie ich,
tönte verklingend ihr ſchalkhafter Geſang durch die Klauſe.
Ekkehard lächelte wehmütig.
Aber ganz war der Sturm in ſeinem Herzen noch nicht ge⸗
ſchwichtigt; es hallte und tönte in ihm nach wie der Donner
des Alpengewitters, der an ferner Bergwand zu neuem Dröh⸗
nen ſich zuſammenrafft.
Eine rieſige Felsplatte war bei der Höhle niedergeſtürzt,
ſchmelzendes Schneewaſſer hatte ſie im Frühling losgenagt, ſie
ſah aus wie die Decke eines Grabmals. Dort ſaß er oft, er
nannte ſie ſtillſchweigend das Grab ſeiner Liebe; oft kam's ihm
vor, als ruhe die Herzogin und er ſelber in kühlem Schlaf der
Toten darunter, und er ſaß drauf und ſchaute über die tann⸗
umſäumten grünen Rücken nach dem Bodenſee hinüber und
träumte. Es war ihm nicht gut, daß er den See von ſeiner
Klauſe erſchauen konnte, wunde Rückerinnerung durchſchmerzte
ſein Inneres. Oft wollt' er zornig aufbrauſen, oft bog er ſich
abendlich um die Ecke ſeines Felſens in der Richtung des
Unterſees und hauchte Grüße hinaus ²62). Wem galten ſie?
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