Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 365
(PDF, 52 MB)
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Auf dem Wildkirchlein. 365

Der Traum der Nacht war wirr und bewegt. Er ſah ſich
wieder in der Burgkapelle, und die ewige Lampe ſchwebte über
der Herzogin Haupt wie damals, und wie er auf ſeine Ge⸗
bieterin zuſtürzen wollte, hatte ſie das Antlitz der Waldfrau und
lachte ihm höhniſch ins Geſicht; und wenn er frühmorgens von
ſeinem Streulager aufſprang, hörte er ſein eigen Herz pochen,
und das Wort Frau Hadwigs: O Schulmeiſter, warum biſt du
kein Kriegsmann worden? verfolgte ihn, bis die Sonne hoch
am Himmel ſtand oder der Anblick Benedictas es verſcheuchte.
Oft warf er ſich ins kurze ſchwellende Gras am Abhang und
überdachte die letzten Monate; in läuternder Schärfe der Alpen⸗
luft prägten ſich Geſtalten und Ereigniſſe klar vor ſeinem Den⸗
ken, es peinigte ihn das Gefühl, daß er ſich zag und ſcheu und
törig benommen und nicht einmal die Aufgabe gelöſt, eine Ge⸗
ſchichte zu erzählen, wie Herr Spazzo und Praxedis. Ekkehard,
du biſt lächerlich geworden, ſprach er höhniſch leiſe zu ſich ſel⸗
ber und vermeinte dabei, er müſſe an den Felswänden ſein Ge⸗
hirn anrennen.
Melancholiſch Gemüt zehrt lang an erlittener Beſchädigung
und vergißt in ſeinem Brüten, daß tadelhafte Tat nur durch
nachfolgende beſſere im Gemüt der Menſchen verwiſcht wird.
Darum war Ekkehard noch nicht reif für die klärenden Won⸗
nen der Einſamkeit. Der haftende Eindruck vergangenen Leids
tat eine ſeltſame Wirkung; wenn er in ſeiner Höhlenſtille ſaß,
glaubte er Stimmen zu hören, die ſpottend mit ihm plauderten
von törigen Hoffnungen und den Täuſchungen der Welt, Flug
und Ruf der Vögel klang ihm wie kreiſchender Schrei der Dä⸗
monen, und ſein Gebet half nicht dawider. Wenn Schauer der
Wildnis den Geiſt erfüllt, täuſcht ſich Ohr und Auge und glaubt
die alten Sagen, daß alles von Mitte der Luft bis hernieder
und die Erde ſelber, da wo ſie unbauhaft ²6⁶3), erfüllt ſei vom
Reigentanz ewig lebender Geiſter.
Es war eine weiche würzige Spätſommernacht, er wollte ſich
auf ſein einfach Lager werfen, da ſchien der Mond in ſcharfem
Glanz die Höhle an, zwei weiße Wolken zogen langſam einander
nach, er hörte, wie ſie zu einander ſprachen, und die eine Wolke


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