Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 366
(PDF, 52 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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366 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.

war Frau Hadwig, die andere Praxedis. Ich will doch ſehen,
wie die Ruheſtatt eines flüchtigen Toren ausſieht, ſprach die
vordere weiße Wolke und ſtreifte eilend über die Scheitel der
wagrechten Wände und ſtand gegenüber der Höhle über dem
Kamor, dann ſenkte ſie ſich nieder zu den Tannen, die talab
in unzähligen Reihen ſtanden: Er iſt's! rief die Wolke, greifet
den Frevler! und die Tannen wurden lauter Mönche, tauſend
und abertauſend, und wurden lebendig und zogen wimmelnd
aus und begannen die Abhänge des Wildkirchleins zu erſteigen,
pſalmend und rutenſchwingend — da ſprang Ekkehard ſchau⸗
dernd auf und griff ſeinen Speer — itzt war's, als wenn Irr⸗
lichter aus der Höhlentiefe vorhüpften: hinaus aus den Alpen!
rief's hinter ihm — alle Adern fieberten, da rannte er fort über
den ſchmalen Steg an den dräuenden Felsüberhängen hinaus
in die Nacht wie ein Verzweifelter. Noch ſtand die zweite Wolke
beim Mond: Ich kann dir nicht helfen, ſprach ſie mit Praxedis'
Stimme, ich weiß den Weg nicht...
Er rannte bergab, das Leben war ihm eine Qual, und doch
taſtete er am abſpringenden Boden und ſtemmte den Speer ein,
um nicht hinabzuſtürzen und den herankletternden Spukgeſtal⸗
ten in die Hände zu fallen.
Der nächtliche Rutſch den Hohentwiel hinab war ein Kinder⸗
ſpiel gegen dieſes Klimmen; über ſchwindelnden Abgrund, der
Gefahr unwiſſend, kam er zur Tiefe. Die Ziegen ſtürzen dort
in zerſchmetterndem Fall zu Tale, wenn ſie die Augen von
Gras und Berghang weg zur halsbrechenden Schlucht wenden.
Jetzt ſtand er unten; da lag geheimnisvoll lockend der grüne
Seealpſee, vom Mondlicht umzittert. Von den verfaulten
Stämmen am Ufer ging ein geſpenſtig Scheinen. Es ward trüb
vor Ekkehards Blick: Nimm du mich auf! rief er, mein Herz
will Ruhe!
Er rannte hinein in die ſtille glatte Flut, — aber der Boden
wich nicht unter ihm, wohltätig kühlend drang ihm des Bergſees
Friſche durch Mark und Bein.
Schon ſtund er bis an die Bruſt im Waſſer, da hemmte er
ſeinen Schritt. Wirr ſchaute er auf: die weißen Wolken waren


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