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368 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
hörte, und der Säntis ſtund wieder am alten Platz, und ſeine
Schneefelder leuchteten wie vordem.
Als Ekkehard des andern Tages erwachte, lag er in
ſeiner Höhle, von fiebrigem Froſt durchſchüttelt — in den
Knien todmüde Zerbrochenheit.
Die Sonne ſtand in der Mittagshöhe.
Benedicta huſchte draußen vorbei und ſah ihn zitternd da⸗
liegen, den Wolfspelz umgeſchlagen. Die Kutte hing triefend
und waſſerſchwer über einem Felsſtück.
Wenn Ihr wieder Forellen im Seealpſee fangen wollt, Berg⸗
bruder, ſprach ſie, ſo laßt mich's wiſſen, daß ich Euch führe.
Der Handbub, der Euch vor Sonnenaufgang begegnete, hat ge⸗
ſagt, Ihr ſeid den Berg herauf gewankt wie ein Nachtwandler.
Sie ging und läutete die Mittagglocke für ihn.
Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
Auf der Ebenalp.
Sechs Tage lang war Ekkehard krank gelegen. Die Sennen
pflegten ihn, ein Trank, aus blauem Enzian gekocht, ſchwich⸗
tigte das Fieber. Die Alpenluft tat das Ihre. Eine ſtarke Er⸗
ſchütterung war ihm notwendig geweſen, um an Körper und
Geiſt das geſtörte Gleichgewicht herzuſtellen. Jetzt war's in
Ordnung. Er hörte keine Stimmen und ſah keine Phantasmen
mehr. Lindes Gefühl von Ruhe und aufſproſſender Geſundheit
durchſtrömte ihn; es war jener Zuſtand ſanfter Unkraft, der
ſchwermütigen geneſenden Menſchen ſo wohl anſteht. Sein
Denken war ernſt aber nimmer bitter.
Ich hab' von den Bergen was gelernt, ſprach er zu ſich ſel⸗
ber, Toben hilft nicht, wenn auch die zauberreichſte Maid vor
uns ſitzt, der Menſch muß von Stein werden wie der Säntis
und kühlenden Eispanzer ums Herz legen, kaum der Traum der
Nacht ſoll wiſſen, wie es drinnen kocht und glüht, das iſt
beſſer.
Und mählich ward ihm die Trübſal der letzten Vergangen⸗
heit in mildem Duft verklärt; er dachte an die Herzogin und
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