Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 369
(PDF, 52 MB)
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Auf der Ebenalp. 369

alles, was auf dem hohen Twiel geſchehen, es tat ihm nimmer
weh. Und das iſt das Fürtreffliche gewaltiger Natur, daß
ſie nicht nur ſich ſelber als ein mächtig wirkend Bild vor den
Beſchauenden ſtellt, ſondern den Geiſt überhaupt ausweitend
anregt und fernliegende verſchwundene Zeit im Gedächtnis
wieder heraufbeſchwört. Ekkehard hatte lange nimmer auf die
Tage ſeiner Jugend rückgeſchaut, jetzt flüchtete ſich ſein Den⸗
ken am liebſten dorthin, als wär' es ein Paradiesgarten, aus
dem ihn der Sturm des Lebens hinausgeweht. Er hatte etliche
Jahre in der Kloſterſchule zu Lorſch am Rheine verbracht; da⸗
mals ahnte er nicht, was in der Frauen dunkeln Augen für
herzverzehrende Glut verborgen glimmt, die alten Pergamente
waren ſeine Welt.
Aber eine Geſtalt ſtand ihm ſchon damals feſt ins Herz ge⸗
ſchrieben, das war der Bruder Konrad von Alzey. An ihn,
den wenig Jahre älteren, hatte Ekkehard die erſte Neigung
junger Freundſchaft geheftet; ihr Lebensweg ging auseinand,
es war Gras gewachſen über die Tage von Lorſch, jetzt tauch⸗
ten ſie ſtrahlend vor der Betrachtung auf, gleich dem dunkeln
Hügelland der Fläche, wenn die Morgenſonne ihre Strahlen
drauf geworfen.
Es iſt mit des Menſchen Geiſt wie mit der Rinde der alten
Erde; auf den Anſchwemmungen der Kindheit türmen ſich in
ſtürmiſcher Hebung neue Schichten auf, Fels und Grat und
hohe Bergwand, die bis in Himmel zu reichen wähnt, und der
Boden, drauf ſie ruht, iſt mit Trümmern überſchüttet und ver⸗
geſſen, — aber wie die ſtarren Gipfel der Alpen oft ſehnſüch⸗
tig zu Tale ſchauen und ſich heimwehbewältigt hinabſtürzen
in die Tiefe, der ſie entſtiegen, ſo fährt die Erinnerung zurück
in die Jugend und gräbt nach den Schätzen, die ſie unbeachtet
beim tauben Geſtein zurückließ.
Jetzt flog Ekkehards Denken oftmals zu ſeinem treuen Ge⸗
ſpan, er ſtund wieder mit ihm unter der rundbogigen ſäulen⸗
getragenen Vorhalle, er betete mit ihm an den alten Königs⸗
gräbern und am Steinſarg des blinden Herzogs Thaſſilo, er
wandelte mit ihm durch die ſchattigen Gänge des Kloſtergar⸗
Scheffel. V/vI. 24


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