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Auf der Ebenalp. 371
Mären kündet, und wird ſtark und feſt, und wenn er das Herz
am rechten Fleck hat, ſchreibt er's nieder zu Nutz und From⸗
men der anderen.
Ekkehard aber hatte ſchier furchtſam den fröhlich Übermüti⸗
gen angeſchaut und geſagt: Mir wird ſchier ſchwindlig, wenn
ich dir zuhöre, wie du ein anderer Homerus zu werden ge⸗
denkſt. Und Konrad ſprach lächelnd: Eine Ilias ſoll keiner
ſingen nach Homerus, aber das Lied der Nibelungen iſt noch
nicht geſungen, und mein Arm iſt grün, und mein Mut iſt
ſtark, und wer weiß, was die Folge der Zeiten bringt!
Und ein andermal gingen ſie am Geſtade des Rheines, und
die Sonne ſpiegelte ſich über den Bergen des Wasgauwaldes
herunter in den Wellen, da ſprach Konrad: Für dich wüßt'
ich auch einen Sang, der iſt einfach und nicht allzuherb und
paßt zu deinem Gemüt, denn du horchſt lieber dem Schalle des
Jagdhorns als dem Rollen des Donners. Schau auf! ſo wie
heute hat einſt die Zinne von Worms herübergeglänzt, da der
Held Walthari von Aquitanien, aus der Hunnengefangen⸗
ſchaft fliehend, ins Frankenland ritt; hier hat ihn der Ferg'
übergefahren ſamt ſeiner Liebſten und ſeinem Goldſchatz, nach
dem Walde iſt er geritten, der dort blaudunkel ragt, das gab
am Waſichenſtein ein hartes Fechten und Funkenſprühen von
Helm und Schilden, da ihm die Wormſer nachrückten, aber die
Lieb' und ein gut Gewiſſen hat den Walthari ſtark gemacht,
daß er ſie alle beſtand, den König Gunther und Hagen ſelbſt,
den Grimmen.
Und er hatte ihm die Sage weitläufig erzählt; um große
Rieſenbäume treibt allerhand wilder Schoß, ſprach er, ſo iſt
auch um die Nibelungenſage ringsum viel ander Buſchwerk
aufgeſprießt, aus dem ſich etwas zuſchneiden läßt, wenn einer
Freude dran hat; ſing du den Walthari!
Aber Ekkehard ließ damals Kieſel über die Rheinflut tanzen
und verſtand ſeinen Freund nur halb; er war ein frommer
Schüler und ſein Sinn aufs Nächſte gerichtet. Die Zeit trennte
die beiden, und Konrad mußte die Kloſterſchule fliehen, weil
er einſt geſagt, des Ariſtoteles Logika ſei eitel leeres Stroh,
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