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372 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
und war in die weite Welt gegangen, niemand wußte wohin,
und Ekkehard kam nach Sankt Gallen und hatte fort und fort
ſtudiert und war ein verſtändiger junger Mann geworden, den
ſie zum Profeſſor tauglich fanden, und dachte an den Alzeyer
Konrad oft ſchier mit einem vornehmen Mitleid.
Aber ein triebkräftig Samenkorn kann in des Menſchen
Herz lange verborgen ruhen und geht zuletzt doch auf wie der
Weizen aus den Mumienſärgen Ägyptenlands.
Daß Ekkehard jetzo freudig jener Erinnerungen pflegte, war
ein Zeichen, daß er ſeither auch ein anderer geworden.
Und es war gut ſo. Die Launen der Herzogin und Pra⸗
xedis' unbefangene Grazie hatten ſein blödes, ſchwerfällig
gründliches Weſen geläutert, die große Zeit, die er durchlebt,
das Sauſen der Hunnenſchlacht hatten Schwung in ſeine Ge⸗
ſinnung getragen und ihn das Getrieb kleinen Ehrgeizes ver⸗
achten gelehrt, jetzt trug er einen großen Schmerz in ſich, der
ausgetobt ſein mußte — ſo war der Kloſtergelehrte trotz Kut⸗
te und Tonſur in der glücklichen Umwandlung zum Dichter
begriffen und ſchritt einher gleich der Schlange, die ſich aus der
alten Umhäutung losgerungen und nur der Gelegenheit war⸗
tet, ihre ganze Hülle wie einen abgetragenen Rock an der
Hecke abzuſtreifen.
Täglich und ſtündlich, wenn er die allezeit ſchönen Gipfel
ſeiner Berge anſchaute und die reine Luft mit vollen Zügen
einſog, kam es ihm mehr als ein Rätſel vor, daß er ſeines
Lebens Glück erſt im Erklären und Deuten vergilbter Schrif⸗
ten geſucht und hernachmals an einer ſtolzen Frau ſchier den
Verſtand eingebüßt; laß ſtürzen, Herz, ſprach er, was nicht
mehr ſtehen mag, und bau dir eine neue Welt, bau ſie dir tief
innen, luftig, ſtolz und weit, ſtrömen und verrinnen laß die
alte Zeit!
Er ging wieder vergnügt in ſeiner Klauſe umher; eines
Abends hatte er die Veſperzeit geläutet, da kam der Senn von
der Ebenalp; er trug etwas ſorgſam in einem Tuch. Gott
grüß, Bergbruder, ſprach er, es hat Euch ordentlich geſchüt⸗
telt, hab' heut was für Euch aufgeleſen zur Nachkur, aber
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