Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 374
(PDF, 52 MB)
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374 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.

mit ihm hinunter und horchten. Es war ein fernes Stöhnen
im Schnee.
Sonderbar, ſagte der Senn, es iſt etwas Lebendiges ver⸗
ſchüttet.
Wenn der Pater Lucius von Quaradaves noch lebte —
ſagte Benedicta, der hat ſo eine ſanfte Bärenſtimme gehabt.
Schweig, du wilde Hummel! drohte ihr Vater. Sie holten
Schaufel und Bergſtock, der Alte nahm ſein Handbeil mit, ſo
ſtiegen ſie mit Ekkehard den Spuren der Lawine nach. Die
war von der Felswand zum Aſcher herabgefahren über Grund
und Steingerölle und hatte die niedrigen Fichtenſtämme ge⸗
knickt wie Strohhalme; drei mächtige Blöcke, die gleich Schild⸗
wachen ins Tal hinabſchauten, hemmten den Sturz, dort hatte
ſich der wandernde Schnee zürnend aufgebäumt, weniges war
auch über dieſe Schranke weggeſauſt, der Kern, zerbröckelt von
der Wucht des Anpralls, lag in trümmerhafter Maſſe getürmt.
Der Senn legte ſein Ohr an die Schneedecke, dann trat er et⸗
liche Schritte hinein, ſtieß den Bergſtock ein und rief: Hier
graben wir!
Und ſie gruben eine gute Weile und gruben einen Schacht,
alſo, daß ſie tief drinnen ſtanden und über ihren Häuptern die
Schneemauer ſich erhob, und blieſen oftmals in die Hände bei
der kalten Arbeit. Da jodelte der Senn hell auf, und Ekkehard
tat einen Schrei — ein ſchwarzer Fleck kam zum Vorſchein, der
Senn ſprang zum Beil, noch etliche Schaufelſtöße, da hob ſich's
in zottiger Schwerfälligkeit und richtete ſich brummend auf und
reckte ſeine Vordertatzen weit empor gen Himmel, wie einer, der
ſich ſchweren Schlaf aus den Gliedern bannen will, und ſtieg
langſam zu dem Fels und ſetzte ſich drauf.
Es war eine mächtige Bärin, die auf nächtlichem Gang zu
den Forellen des Seealpſees ſamt ihrem Ehgemahl dort über⸗
ſchüttet worden. Aber der Bär rührte ſich nimmer, der war an
ihrer Seite erſtickt und lag in kühlem Todesſchlaf, einen trotzi⸗
gen Zug um die Schnauze, als wär' er mit einem Fluch auf
allzufrühen Schneefall vom ſüßen Daſein geſchieden.
Der Senn wollte mit ſeinem Beil wider die Bärin ausziehen,


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