Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 375
(PDF, 52 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0139
Auf der Ebenalp. 375

aber Ekkehard hielt ihn zurück und ſprach: Laſſet ihr das Le⸗
ben, wir haben genug an dem da !und ſie zogen ihn herfür und
mochten ihn kaum ſelbander von der Stelle bringen. Die Bärin
ſaß auf ihrem Stein und ſchaute betrübt herunter und brummte
und warf einen feuchten Blick auf Ekkehard, als habe ſie ihn
verſtanden. Dann ſtieg ſie hernieder, aber nicht wie zum An⸗
griff; die Männer banden Fichtengezweig zu einer Schlinge
zuſammen, die Beute fortzuſchleifen, ſie traten zurück, Beil und
Speer geſchwungen, die Bärenwitib aber beugte ſich über den
toten Ehegeſpons und biß ihm das rechte Ohr ab und fraß es
auf zum ewigen Angedenken an glückliches Ehemals, dann
wandte ſie ſich gegen Ekkehard, auf den Hinterfüßen einher⸗
wandelnd. Er erſchrak, als drohte ihm eine Umarmung, da
ſchlug er ein Kreuz und ſprach den Bärenſegen des heiligen
Gallus wider ſie: „Zeuch aus und weiche von unſerem Tal, du
Ungetüm des Waldes, Berg und Alpenſchlucht ſeien dein Re⸗
vier, uns aber laß in Ruh und die Herden der Alm 266).“ Und
die Bärin war ſtill geſtanden, im Aug' einen bitter wehmütigen
Blick, als wäre ſie gekränkt ob der Verſchmähung ihres Gefühls,
ſie ließ die Tatzen zur Erde ſinken, drehte dem Bannenden den
Rücken und ſchritt auf allen Vieren von dannen. Noch zweimal
hatte ſie umgeſchaut, ehe ſie aus dem Blick der Bergbewohner
verſchwand.
So ein Tier hat zwölf Männer Verſtand und ſieht dem Men⸗
ſchen an den Augen an, was er will, ſprach der Senn, ſonſt
würd' ich ſagen: Ihr ſeid ein heiliger Mann, daß Euch die
Völkerſchaften der Wildnis gehorchen.
Er wiegte die Tatzen des Toten prüfend im Arm:
Juhuhu, das wird ein Feſtſchmaus. Die verzehren wir am
nächſten Sonntag, Bergbruder, und ein Salätlein von Alpen⸗
kräutern dazu. Das Fleiſch gibt Wintervorrat für uns zwei⸗
beide, ums Fell loſen wir.
Wie ſie das Opfer der Lawine zum Wildkirchlein empor
ſchleiften, ſang Benedicta:
Und wer Schneeglöcklein graben will
Und hat das Glück dabei,


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0139