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376 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
Der gräbt wohl einen Bären aus
Und gräbt auch ihrer zwei.
Der Schnee war ein luftiger Flutterſchnee ²67) geweſen und
war in Bälde wieder zerſchmolzen, Spätſommer zog noch ein⸗
mal mit herzwärmender Kraft in den Bergen ein, ein ſtiller
Sonntagfriede lag über dem Hochland.
Ekkehard hatte des Mittags mit dem Senn und ſeiner Toch⸗
ter die Bärentatzen verzehrt, eine lecker kräftige Speiſe, rauh
aber ſtark, wie die Altvorderen ſelber; dann war er hinaufge⸗
ſtiegen auf den Gipfel der Ebenalp und hatte ſich ins duf⸗
tende Gras geworfen und ſchaute behaglich in die Himmels⸗
bläue, von wohligem Hauch der Geſundheit erquickt. Um ihn
weideten Benedictas Ziegen; ſchier war's zu hören, wie das
Alpengras zwiſchen den Zähnen der Kauenden ſich bog und
zerbrach. Unſtetes Gewölk zog an den Bergwänden herum, —
auf weißer Kalkſteinplatte, dem Säntis zugewendet, ſaß Bene⸗
dicta; ſie blies auf der Schwegelpfeife. Einfach, melodiſch wie
ein Klang aus ferner Jugendzeit tönte die Weiſe, mit zwei
hölzernen Milchlöffeln in der Linken ſchlug ſie den Takt dazu.
Sie war Meiſterin in dieſer Kunſt, und ihr Vater pflegte oft⸗
mals mit Bedauern zu ſagen: Es iſt ſchade, ſie verdiente Bene⸗
dictus zu heißen, ſie hätt' wahrlich einen tollen Handbuben
gegeben.
Wenn die Tonweiſe rhythmiſch zu Ende ging, tat ſie einen
ſcharfen Jodelruf zur benachbarten Alp, dann ſchallte von dort
ſanftkräftiges Blaſen des Alphorns herüber, ihr Liebſter, der
Senn auf der Klus, ſtand unter dem zwergichten Fichtenbaum
und blies den Kuhreigen ²s) — jenen ſeltſamen Naturlaut,
der, keiner Melodei vergleichbar, erſt dumpfes Geräuſch ſcheint,
als ſäße eine Hummel oder ein Käfer im Horn eingeſperrt und
ſuche ſummend den Ausweg, der aber mählich und mählich das
große Lied von Sehnſucht, Liebe und Heimweh in alle Gänge
des Menſchenherzens hinein drommetet, daß es aufjubelt oder
zerbricht.
Ich glaube, Euch iſt wieder ganz wohl, Bergbruder, rief
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