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378 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
als ſie des Hunnen Cappan Hochzeit feierten, als käme Audi⸗
fax mit Hadumoth aus der Hunnennot heimgeritten, als ſäh'
er das Glück in Geſtalt jener zwei verkörpert, und aus dem
Schutt vergangener Zeit tauchte auf, was der ſinnige Konrad
von Alzey ihm dereinſt von Walthari und Hiltgunde erzählt,
mit Sang und Klang zog der Geiſt der Dichtung bei ihm ein,
er ſprang auf und tat einen Satz in die Luft, daß der Säntis
ſeine Freude an ihm haben mochte: Im Bild der Dichtung
ſoll das arme Herz ſich deſſen freuen, was ihm das Leben
nimmer bieten kann, an Reckenkampf und Minnelohn, — ich
will das Lied von Walthari von Aquitanien ſingen! rief er
der ſcheidenden Sonne zu, und es war ihm, als ſtünde drüben
in der Gemſenlucke zwiſchen Sigelsalp und Maarwies glanz⸗
umwallt der Freund ſeiner Jugend, der Meiſter Konrad, und
winkte ihm mild lächelnd herüber und ſpräche: Tu's!
Und Ekkehard ging fröhlich ans Werk. Was bei uns ge⸗
ſchieht, muß recht geſchehen oder gar nicht, ſonſt lachen uns.
die Berge aus — ſo hatte der Senn eines Tages zu ihm ge⸗
ſprochen, und er hatte beifällig dazu genickt. Der Handbub
ward ins Tal geſchickt, Eier und Honig zu holen, da bat ihn
Ekkehard für einen Tag bei ſeinem Meiſter frei und gab ihm
einen Brief nach Sankt Gallen an ſeinen Neffen. Er ſchrieb ihn
in damals üblicher dort wohlbekannter Stabrunenſchrift ²69),
damit ihn kein Unberufener leſe. Darin aber ſtand:
„Dem Kloſterſchüler Burkhard Heil und Segen.
Der du ein Augenzeuge von deines Oheims Leid geweſen,
wiſſe zu ſchweigen. Und wo er weilet, frage nicht — Gottes
Hand reicht weit. Du haſt im Procopius ²7⁰) geleſen vom Van⸗
dalenkönig Gelimer; da er im numidiſchen Gebirg eingeſchloſſen
ſaß und ſein Elend groß war, heiſchte er von den Belagerern
eine Harfe, ſeinen Schmerz zu verſingen. Gedenke dabei deines
Ohms und wolle dem Überbringer eine eurer kleinen Harfen
mitgeben und etliche Bogen reinen Pergamentes ſamt Farbe
und Rohrfeder, denn mein Herz iſt wohlgemutet zu ſingen in
der Einſamkeit. Verbrenne das Blatt. Die Gnade Gottes ſei
mit dir! Leb wohl!“
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