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380 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
aber den nächſten hab' ich gegriffen und durch die Lüfte ge⸗
worfen, daß er ins Gras flog wie ein flügellahmer Bergrabe;
und ſie erhoben ein groß Geſchrei und ſagten, ich ſei ein grober
Bergbub, ihre Stärke ſei Wiſſenſchaft und Geiſt. Da hab' ich
wiſſen wollen, was der Geiſt ſei, und ſie ſprachen: Trink' Wein,
dann ſchreiben wir dir's auf den Rücken! Und der Kloſterwein
war gut, ein paar Krüge hab' ich ihnen weggetrunken, dann
haben ſie mir etwas auf den Rücken geſchrieben, ich weiß nim⸗
mer, wie's zuging, aber andern Morgens hab' ich nur einen
ſchweren Kopf gehabt und weiß von ihrem Geiſt im Kloſter ſo
wenig denn vorher.
Der Handbub ſtreifte ſein rauhes Flachshemd zurück und
wies Ekkehard ſeinen Rücken. Der trug in großem Lapidarſtil,
mit ſchwarzer Wagenſalbe aufgetragen, die Inſchrift:
Abbatiscellani, homines pagani,
vani et insani, turgidi villani *).
Es war ein Kloſterwitz. Ekkehard mußte lachen. Laß dich's
nicht verdrießen, ſprach er, und denke, daß du ſelber ſchuld biſt,
weil du zu tief in Weinkrug geſchaut.
Der Handbub war nicht beruhigt. Meine ſchwarzen Ziegen
ſind mir lieber als all die Herrlein, ſprach er und knüpfte ſein
Hemd wieder zu. Aber wenn mir ſo ein Haſenfuß, ſo ein Lappi
auf die Ebenalp kommt, dem ſchreib' ich mit ungebrannter
Aſche ein Wahrzeichen auf die Haut, daß er zeitlebens dran
denken ſoll, und wenn's ihm nicht recht iſt, kann er den Berg⸗
tobel hinabſauſen wie ein Schneeſturz im Frühling.
Brummend ging der Bub von dannen.
Ekkehard aber nahm die Harfe und ſetzte ſich unter das Kreuz
vor die Höhle und griff eine fröhliche Tagweiſe; er hatte lange
nimmer die Saiten gerührt, es tat ihm wunderſam wohl, der
*) Die bei des Abtes Zellen
Sind heidniſche Geſellen
Grobe ungeſcheite
Hochmüt'ge Bauersleute.
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