Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 382
(PDF, 52 MB)
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382 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.

chem Geſetz er die Fäden ſeines Gedichtes ineinander wob, —
es iſt auch nicht nötig, von allem das Warum und Weil zu
wiſſen: der Wind wehet, wo er will, und du höreſt ſein Getöſe,
aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; ſo
verhält es ſich auch mit jedem, der im Geiſte geboren iſt — ſagt
das Evangelium Johannis ²72).
Und wenn es zwiſchenein wieder dunkelte vor den Augen des
Geiſtes und Zagheit ihn beſchlich — denn er war ängſtlich von
Natur und vermeinte noch manchmal, es ſei kaum möglich, et⸗
was zuſtand zu bringen ohne Hilfe von Büchern und gelahrtem
Vorbild — dann wandelte er auf dem ſchmalen Fußſteig drau⸗
ßen auf und nieder und ließ den Blick auf den Rieſenwänden
ſeiner Berge haften, die gaben ihm Troſt und Maß, und er
gedachte: Bei allem, was ich ſing' und dichte, will ich mich
fragen, ob's dem Säntis und Kamor drüben recht iſt. Und da⸗
mit war er auf der rechten Spur: wer von der alten Mutter
Natur ſeine Offenbarung ſchöpft, deſſen Dichtung iſt wahr und
echt, wenn auch die Leinweber und Steinklopfer und hochver⸗
ſtändigen Strohſpalter in den Tiefen drunten ſie zehntauſend⸗
mal für Hirngeſpinſt verſchreien.
Etliche Tage vergingen in emſigem Schaffen. In lateini⸗
ſchen Vers des Virgilius goß er die Geſtalten der Sage, die
Pfade deutſcher Mutterſprache deuchten ihm noch zu rauh und
zu wenig geebnet für den gleichmäßig ſchreitenden Gang des
Heldenliedes. Mehr und mehr bevölkerte ſich ſeine Einſam⸗
keit; er gedachte in ununterbrochenem Anlauf Tag und Nacht
fort zu arbeiten, aber der leibliche Menſch hat auch ſein Recht.
Darum ſprach er: Wer arbeitet, ſoll ſein Tagwerk richten nach
der Sonne. Und wenn die Schatten des Abends auf die nach⸗
barlichen Höhen fielen, brach er ab, griff ſeine Harfe und
klomm durch die Höhlenwildnis zur Ebenalp hinauf. Der Platz,
wo der erſte Gedanke des Sangs in ihm aufgeſtiegen, war ihm
vor allen teuer.
Benedicta freute ſich, wie er zuerſt mit der Harfe kam. Ich
verſteh' Euch, Bergbruder, ſagte ſie, weil Ihr keine Liebſte
haben dürfet, habt Ihr Euch die Harfe eingetan und ſprechet


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