http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0147
Auf der Ebenalp. 383
zu der, was Euch das Herz ſchwellt. Aber umſonſt ſollt Ihr
kein Spielmann geworden ſein.
Sie pfiff durch die Finger und tat einen ſchönen Lockruf zu
der niedern Hütte auf der Klus hinüber, da kam ihr Liebſter,
der Senn, das Alphorn umgehangen, ein friſches junges Blut,
im rechten Ohr trug er den ſchweren ſilbernen Ring, des Sen⸗
nen Ehrenzeichen, die Schlange, die an ſilbernem Kettlein den
ſchwanken Milchlöffel hält, und um die Lenden glänzte der
breite Gürtel, drauf in getriebenem Metall ein kuhähnlich Un⸗
getüm zu ſchauen war ²7³); ſcheu neugierig ſtund er vor Ekke⸗
hard, aber Benedicta ſprach: Jetzt ſpielet uns einen Tanz auf,
Bergbruder; wir haben uns ſchon lang geärgert, daß wir's
nicht ſelber können, aber wenn er das Alphorn bläſt, kann er
mich nicht zugleich faſſen und luſtig umſchwingen, und wenn ich
die Schwegelpfeife tönen laſſe, hab' ich auch keinen Arm frei.
Und Ekkehard erquickte ſich an der geſunden Fröhlichkeit der
Kinder vom Berg und griff wacker in die Saiten, und ſie tanz⸗
ten im weichen Gras der Matten, bis der Mond in gelber
Schöne ſich über die Maarwieſe hob, den grüßten ſie mit Jauch⸗
zen und Zauren ²7⁴) und tanzten weiter in vergnüglichem Wech⸗
ſelgeſang:
Und das Eis kam gewachſen
Bis zur Alpe daher,
Wie ſchad' um das Mägdlein,
Wenn's eingefroren wär'!
ſummte Benedictas Tänzer in den leichthinſchwebenden Reigen;
Und der Föhn hat geblaſen,
Kein Hüttlein mehr ſteht —
Wie ſchad' um den Buben,
Wenn's auch ihn hätt' verweht!
ſang ſie antwortend in gleicher Tonart. Und wie ſie müde
vor dem angehenden Dichter ausruhten, ſprach Benedicta: Ihr
ſollt auch Euern Lohn überkommen, herzlieber Harfeniſte. Es
geht ein alt Gerede auf unſern Bergen, daß alle hundert Jahr'
auf kahlem Hang eine wunderſame blaue Blume blühe, und
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0147