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384 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
wer die Blume hat, dem ſteht plötzlich Ein⸗ und Ausgang des
Berges offen, drinnen glänzt es mit hellem Schein, und die
Schätze der Tiefe heben ſich zu ihm herauf, davon mag er grei⸗
fen, ſoviel ſein Herz begehrt, und ſeinen Hut bis zum Rande
füllen. Wenn ich die Blume finde, bring' ich ſie Euch, dann
werdet Ihr ein ſteinreicher Mann, ich kann ſie doch nicht brau⸗
chen — ſie ſchlang ihren Arm um den jungen Senn — ich
hab' den Schatz ſchon gefunden.
Aber Ekkehard ſprach: Ich kann ſie auch nicht brauchen!
Erx hatte recht. Wem die Kunſt zu eigen ward, der hat die
echte blaue Blume: wo für andere Stein und Fels ſich auf⸗
türmt, tut ſich ihm das weite Reich des Schönen auf; dort
liegen Schätze, die kein Roſt verzehrt, und er iſt reicher als die
Wechſler und Mäkler und Goldgewaltigen der Welt, wenn auch
in ſeiner Taſche oftmals der Pfennig mit dem Heller betrüblich
Hochzeit feiert.
Ja, was fangen wir dann mit der Wunderblume an? ſprach
Benedicta.
Gib ſie den Ziegen zu freſſen oder dem großen Stierkalb,
lachte der Senn, denen iſt auch was zu gönnen.
Und wiederum hoben ſie die Füße zum Tanz und ſchwangen
ſich im Mondſchein, bis Benedictas Vater heraufgeſtiegen kam.
Der hatte nach vollbrachtem Tagewerk den ſeither von der
Sonne gebleichten Schädel des Bären über die niedere Tür ſei⸗
ner Sennhütte genagelt ²75) und ihm mit einem Tropfſtein den
Rachen aufgeſperrt, daß Ziegen und Kühe ſcheu vor der neuen
Wandverzierung davon liefen.
Ihr gumpet und ruguſet ²76) ja, daß der Säntis zu wanken
und ſchüttern anhebt, rief der alte Alpmeiſter ſchon von weitem,
was iſt das für ein Gelärme? Gutmütig ſcheltend trieb er
ſie in die Hütte.
Das Waltharilied ſchritt raſch vorwärts. Wenn das Herz
erfüllt iſt von Sang und Klang, hat die Hand ſich zu ſpu⸗
ten, dem Flug der Gedanken nachzukommen.
Eines Mittags wollte Ekkehard ſeinen ſchmalen Felsſteig
entlang wandeln: Da kam ihm ein ſonderbarer Gaſt entgegen.
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