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Auf der Ebenalp. 385
Es war die Bärin, die er aus dem Schnee gegraben, langſam
ſtieg ſie den Pfad herauf, ſie trug etwas in der Schnauze. Er
ſprang zur Höhle zurück und griff ſeinen Speer, aber die Bärin
kam nicht als Feind, achtungsvoll machte ſie Halt am Höhlen⸗
eingang und legte auf die vorſpringende Felskante ein fettes
Murmeltier, das ſie beim Spielen im ſonnigen Gras er⸗
ſchnappt. War's ein Geſchenk für die Lebensrettung, war's
Ausdruck anderweiter Anwandlungen, wer weiß es? Ekkehard
hatte freilich mitgeholfen, die ſterblichen Reſte des Ehgemahls
der Verwitibten zu verzehren: — ob dadurch ein Stück Nei⸗
gung auf ihn übergelenkt werden konnte? — wir kennen die
Geſetze der Wahlverwandtſchaft zu wenig. Die Bärin ſetzte ſich
ſchüchtern vor der Höhle nieder und ſchaute unbeweglich hinein.
Da ward Ekkehard gerührt, er ſchob ihr, immer den Speer in
der Fauſt, ein hölzern Schüſſelein mit Honig in die Nähe,
aber ſie ſchüttelte gekränkt das Haupt, der Blick aus ihren klei⸗
nen Augen, denen das Augenlid fehlte, war traurig erheiternd,
ſo daß Ekkehard ſeine Harfe von der Wand holte und anfing,
den Reigen zu ſpielen, den ſich Benedicta von ihm erbeten. Das
labte der Verlaſſenen Gemüt, ſie erhob ſich und ging aufrecht
in rhythmiſcher Grazie bald vorwärts, bald zurück, und Ekke⸗
hard ſpielte ſchneller und ſtürmiſcher, aber da blickte ſie ver⸗
ſchämt zur Erde; zu tanzen geſtattete ihr dreißigjähriges Bä⸗
rengewiſſen nimmer, ſie ſtreckte ſich wieder wie zuvor vor der
Höhle, als wollte ſie das Lob verdienen, das der Verfaſſer des
Hymnus zu Ehren des heiligen Gall einſt den Bären gezollt,
da er ſie Tiere von bewundernswerter Beſcheidenheit nannte ²77).
Wir paſſen zueinand, rief Ekkehard, du haſt dein Liebſtes
im Schnee verloren, ich im Sturm, — ich will dir noch eines
harfen. Er ſpielte eine wehmütige Weiſe, deß war ſie wohl zu⸗
frieden und brummte beifällig; er aber, immer ſeiner Dichtung
gedenkend, ſprach: Ich hab' mich heut' eine lange Zeit auf
den Namen beſonnen für die Hunnenkönigin, in deren Obhut
jung Hiltgund zu ſtehen kam, itzt weiß ich ihn: ſie ſoll Ospirin
heißen, die „göttliche Bärin ²78)!“ Verſtehſt du mich?
Die Bärin ſah ihn an, als wäre ſie einverſtanden, da griff
Scheffel. V/VI. 25
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