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386 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
Ekkehard ſeine Pergamentblätter und fügte den Namen ein.
Das Bedürfnis, einer lebenden Seele die Schöpfung ſeines Gei⸗
ſtes mitzuteilen, war ſchon lange rege in ihm: hier in der un⸗
geheuern Bergwelt, dachte er, mag auch eine Bärin die Stelle
einnehmen, zu der ſonſt ein gelehrtes Haupt erforderlich wäre,
und er trat an ſein Blockhaus, und auf den Speer geſtemmt,
las er der Bärin die Anfänge des Waltharilieds und las mit
lauter Stimme und begeiſtert, und ſie lauſchte mit löblicher
Ausdauer.
Da las er denn weiter und weiter, wie die Wormſer Recken
den Walthari verfolgend im Wasgauwald nachritten und an
ſeiner Felsburg mit ihm ſtritten — noch horchte ſie geduldig,
aber wie des Einzelkampfes gar kein Ende ward, wie Ekkefried
von Sachſen erſchlagen ins Gras ſank zu ſeiner Vorgänger
Leichen, und Hadwart und Patafrid, des Hagen Schweſterſohn,
das Los der Genoſſen teilten, da erhub ſich die Bärin lang⸗
ſam, als wäre ſelbſt ihr des Mordens zuviel für ein lieblich
Gedicht, und ſchritt würdigen Ganges talab.
Auf der Sigelsalp drüben in einſamer Felsritze ſtund ihre
Behauſung; dorthin entkletterte ſie, ſich zum Winterſchlaf vor⸗
zubereiten.
Das Heldenlied aber, das von allen ſterblichen Weſen zuerſt
die Bärin auf der Sigelsalp vernommen, hat der Schreiber
dieſes Buches zur Kurzweil an langen Winterabenden in deutſchen
Reim gebracht, und wiewohl ſich ſchon manch anderer wackerer
Verdeutſcher derſelben Aufgabe befliſſen, ſo darf er's doch im
Zuſammenhang der Geſchichte dem Leſer nicht vorenthalten,
auf daß er daraus erſehe, wie im zehnten Jahrhundert ebenſo⸗
gut wie in der Folge der Zeiten der Geiſt der Dichtung ſich
im Gemüt erleſener Männer eine Stätte zu bereiten wußte.
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