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Das Waltharilied. 393
Die Stunde kam des Schmauſes. Mit Tüchern mannigfalt
Verhänget war die Halle. Eintrat Herr Etzel bald,
Er ſetzte auf den Thron ſich, den Woll' und Purpur deckt,
Auf hundert Polſtern rings die Hunnen lagen geſtreckt.
Schier beugten ſich die Tiſche den Speiſen ſonder Zahl,
Viel ſüßer Labtrank dampfte im güldenen Pokal,
Mit bunten Fähnlein waren die Schüſſeln ausgeziert,
So hub die Mahlzeit an — Walthari machte den Wirt.
Und wie der Schmaus zu Ende, die Tiſche weggeräumt,
Da ſprach zu König Etzel Walthari ungeſäumt:
Nun, edler Herr und König, erteilt uns Euren Segen,
Daß alle hier im Saale der Zechluſt mögen pflegen.
Der Humpen allergrößten reicht' er ihm kniend dar,
Darauf aus alten Mären manch Bild geſchnitzet war.
Da lacht' der greiſe Zecher: Fürwahr, Ihr meint es gut,
Als wie ein Meer im Sturme entgegenſchäumt mir die Flut.
Doch ſonder Zagen ſtand er, ein Fels am wogenden Strand,
Und lüpft' den Rieſenhumpen und wiegt' ihn in der Hand,
Und trank mit tapfrem Zuge ihn bis zum Grunde leer
Und macht' die Nagelprobe. Da floß kein Tropfen mehr.
Itzt tut mir's nach, ihr Jungen! ſo rief der alte Held,
Da war ein lobwert Beiſpiel den andern aufgeſtellt.
Hurtig und hurtiger, dem Winde gleich, dem ſchnellen,
Sah man den Saal durchrennen den Mundſchenk ſamt Geſellen.
Sie nahmen die Pokale, ſie füllten ſie aufs neu,
Da hub ſich in dem Saale ein ſcharfes Weinturnei.
Bald lallte manche Zunge, die ſonſt viel Ruhm gewann,
Bald wankte in den Knien manch heldenkühner Mann;
Es kam die Mitternacht, noch zechten ſie und ſungen,
Dann ſanken ſie zur Beute dem Schlafe, weinbezwungen.
Und hätt' Walthari itzt die Burg in Brand geſteckt:
Kein Mann war da ſo nüchtern, daß er ihn drob entdeckt.
Walthari rief Hiltgunden fürſichtig nun zu ſich:
Wohlauf bring das Geräte, wohlauf und rüſte dich!
Dann führt' er aus dem Stall ſein Roß, der Löwe hieß es,
Hufſcharrend ſtand's und ſchäumend in ſeine Zügel biß es.
Er wappnete mit Erze des Roſſes Stirn und Seite,
Vom Bug hernieder hing er goldſchwer die Schreine beide,
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