Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 395
(PDF, 52 MB)
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Das Waltharilied. 395

Der alte König Etzel, von böſem Zorn entbrannt,
Zerriß den Purpurmantel und warf ihn an die Wand,
Und wie der Staub vom Sturme gewirbelt wird zu Hauf,
So wirbelte ihm im Herzen ein Schwarm von Sorgen ſich auf.
Kein Wörtlein konnt' er ſprechen, zu mächtig war ſein Grimm,
Und Speiſe und Getränk ſtund unberührt vor ihm.
Die Nacht kam angeflogen, noch fand er keine Ruh,
Er lag auf ſeinem Pfühle und ſchloß kein Auge zu,
Er warf ſich bald zur Rechten, bald zu der Linken nieder,
Als hätt' ein Pfeil durchſchoſſen die ſtolzen Heldenglieder,
Dann ſaß er wieder aufrecht, der grambetörte Greis,
Dann ſprang er aus dem Lager und lief herum im Kreis.

So ward dem Hunnenkönig der ſüße Schlaf verleidet,
Derweil das Flüchtlingspaar ſchweigſam dem Land entreitet.
Doch wie am andern Morgen aufſtieg der lichte Tag,
Hieß er der Hunnen AÄlteſte zuſammenkommen und ſprach:
Wer mir in Banden brächte Walthari, den ſchlauen Fuchs,
Als wie vom Wald der Jäger den hinterliſtigen Luchs,
Dem ſchüfe ich zur Stunde ein golddurchwirkt Gewand
Und wollt mit Gold ihn decken von Haupt zu Fuß ſo ſehr,
Daß ihm von Goldeshaufen der Weg geſperret wär'.
Doch in den weiten Landen fand ſich kein einzger Grafe,
Kein Heerfürſt oder Ritter, kein Knappe oder Sklave,
Der ſich vermaß, Walthari verfolgend nachzugehn
Und mit des Schwertes Schneide dem Zürnenden zu ſtehn.
Und was der König flehte, geſprochen war's in Wind,
Die hohen Goldeshaufen — ſie blieben unverdient.

Walthari ritt bei Nachtzeit weiter und weiter in Haſt,
Des Tags in dichtem Walde und Buſchwerk hielt er Raſt.
Nah flogen ihm die Vögel, lieblich klang ſein Gelock,
Er fing ſie mit Leimruten und mit geſpaltnem Stock,
Und wo in krummem Laufe ein Strom vorüberfloß,
Eintaucht' er ſeine Angel und reiche Beute genoß.
So kürzten ſich die Tage mit Fiſchfang und Gejaid,
Das ſchafft dem Hunger Stillung, dem Herzen Nüchternheit,
Und auf der ganzen Fahrt hat nimmermehr begehrt
Die Jungfrau zu umarmen der Recke ehrenwert.


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