http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0174
110 Vierundzwanzigſtes Kapitel.
Dann wähnt er uns gegangen — und wird von dannen reiten,
So er die enge Burg verlaſſen, dann wohlan,
Wir folgen ihm und greifen im offnen Feld ihn an.
Dann magſt nach Herzensluſt und mehr ſelbſt, als dich freut,
Du mit Walthari fechten; nicht ſchenkt er uns den Streit.
Dem Könige gefiel des Hagen ſchlaues Wort,
Er ſänftigte ihn vollends mit einem Kuß ſofort,
Dann wichen beide und ſpähten ſich ſichern Hinterhalt,
Die Roſſe ließen ſie frei graſen in dem Wald.
Geſunken war die Sonne. Einbrach die dunkle Nacht.
Der müde Held Walthari ſtand prüfend und bedacht':
Ob er in ſichrer Felsburg ſchweigſam verweilen möge,
Ob er durch öde Wildnis verſuche neue Wege. L
Er ſcheute bloß den Hagen und ahnte böſe Liſt,
Daß ihn der König dort umarmet und geküßt.
Deß fürchte ich, ſo dacht' er, daß ſie zur Stadt entreiten
Und morgen früh den Kampf erneu'n mit friſchen Leuten,
Wofern ſie nicht ſchon itzt im Hinterhalte lauern. —
Auch ſchuf der wilde Wald ihm ein gelindes Schauern,
Als dräut' es drin ringsum von Dorn und wilden Tieren,
Daß er dort, hilflos irrend, die Jungfrau möcht verlieren.
Dies alles wohlgeprüft und wohlerwogen ſprach er:
Wie es auch gehen mag, hier ſei bis mor'n mein Lager,
Daß nicht der König prahle, ich ſei dem Diebe gleich
Entflohn bei Nacht und Nebel aus dem Frankenreich.
Er ſprach's, und Dorn und Strauchwerk hieb er ſich rings vom
Und ſchloß den engen Pfad mit ſtachligem Verhack. [Hag
Mit bitterm Seufzen wandt' er ſich zu den Leichen dann.
Jedwedem Rumpfe fügte ſein Haupt er wieder an;
Gen Sonnenaufgang warf er kniend ſich zur Erde
Und ſprach das Sühngebet mit ſcharfentblößtem Schwerte:
O Schöpfer dieſer Welt, der alles lenkt und richtet,
Gen deſſen hohen Willen ſich nichts hienieden ſchlichtet,
Hab Dank, daß heute ich mit deinem Schutz bezwungen
Der ungerechten Feinde Geſchoß und böſe Zungen!
O Herr, der du die Sünde austilgſt mit ſtarken Armen,
Doch nicht den Sünder ſelbſt — dich fleh' ich um Erbarmen:
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0174