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420 Fünfundzwanzigſtes Kapitel.
Der Senn ſchüttelte das Haupt.
Das Schreiben! das Schreiben! brummte er. Mich geht's
nichts an, und der hohe Säntis wird, ſo Gott will, noch auf
Enkel und Urenkel herabſchauen, ohne daß ſie wiſſen, wie man
Griffel und Feder handhabt, aber das Schreiben kann unmöglich
vom Guten ſein. Der Menſch ſoll aufrecht einhergehen, wenn
er ein Ebenbild Gottes ſein will, wer aber ſchreibt, muß ſitzen
und den Rücken biegen, iſt das nicht das Gegenteil von dem, was
Gott angeordnet? Alſo muß es vom Teufel kommen. Seht Euch
vor, Bergbruder! und wenn Ihr mir noch einmal geduckt in
Eurer Höhle ſitzen wollet wie ein Murmeltier und ſchreiben:
beim Strahl! ich fahr' Euch als Alpmeiſter dazwiſchen und reiß
Euch Eure Blätter in Fetzen, daß ſie der Wind verweht in die
Tannenwipfel. Ordnung muß ſein hier oben und einfach Weſen,
wir leiden nichts Ausgeſpitztes!
Ich will's nicht wieder tun, ſagte Ekkehard lachend und
reichte ihm die Hand.
Der brave Alpmeiſter war am Sennwalder Rotwein warm
geworden.
Und bei Donner und Blitz, ſchalt er weiter, was ſoll das
heißen, ein Lied aufſchreiben? Narrenpoſſen! Schreibt's ein⸗
mal auf, wenn Ihr könnt!
Er hub einen Jodelgeſang an in ſo unmoduliert gröblichen
Naturlauten, daß auch das geübteſte Ohr einen mit Wort oder
Schriftzug darzuſtellenden Ton vergeblich darin zu entdecken
vermocht hätte.
— — Zur ſelben Stunde ſaß zu Paſſau an der Donau im
reblaubumrankten Gartenſtüblein der Biſchofspfalz ein Mann
in der Friſche ſproſſenden Mannesalters vor einem ſteinge⸗
hauenen Tiſch. Ein unnennbar feiner Zug lag um den von
braunem Bart überdeckten Mund, üppige Locken wallten unter
dem ſamtnen Barett herfür, ſeine dunklen Augen folgten dem
Zuge der ſchreibenden Rechten. Zwei blonde Knaben ſtunden
neugierig an der hölzernen Armlehne ſeines Stuhles und ſchau⸗
ten ihm über die Schulter ... es war ſchon manch ein Blatt
beſchrieben von Fahrten und Stürmen und Not und tapferer
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