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454 Anmerkungen.
208) Wiewohl wir nicht hoffen, daß einer der Leſer ſich verſucht fühle,
Gunzos pomphaftes Werk nachzuſchlagen, ſei doch der Ort angegeben, wo es zu
finden. Es ſteht in der gelehrten Benediktiner Martène et Durand colleotio
veterum scriptor. et monumentor. Tom. I. 294 als Epistola Gunzonis
ad Augienses fratres; — ein geſchichtlicher Beweis, daß auch vor Ehren
Götze und allen, die heutigentages auf den Pfaden gelehrter Injurie ſelbſtge⸗
fällig lächelnd einherſchreiten, tapfere Männer gelebt haben. Ahnliche Leiſtun⸗
gen hat wohl Baronius im Auge gehabt, da er das zehnte Jahrhundert ein
„bleiernes“ nannte. Ein ſachkundiges Urteil charakteriſiert den Stil einiger
Zeit⸗ und Geſinnungsgenoſſen von Gunzo als ein Latein, „deſſen Grundfarbe
durch die gehäuften klaſſiſchen Floskeln und Schnörkel nicht verdeckt, wird und
in welchem ſie nur fremde Gedanken zu wiederholen wiſſen, wenn es ihnen
überhaupt um Gedanken zu tun iſt.“ S. Vogel, Ratherius von Verona I. 161.
209) Regula S. Benedicti cap. 43: de his qui ad mensam tarde occur-
runt.
210) Schon die Lebensbeſchreibung des heiligen Gallus (lib. II. cap. 34 in
Pertz, Mon. II. 29) erwähnt die Sitte, daß unvorſätzliche Mörder mit ſchweren
Ketten, die oft aus dem eigenen Mordſchwert geſchmiedet wurden, oder mit
eiſernen Ringen um den Leib oder die Arme belaſtet, Wallfahrten tun mußten.
S. auch Uhlands ſchönes Gedicht „der Waller“.
211) Lex Burgundionum tit. XVIII. 1.
212) S. Vita S. Liobae bei Mabillon Acta Benedict. saec. 3. pars.
2. 229. (ed. Venet. 1734.)
213) plerosque autem vidimus et audivimus tanta dementia ob-
rutos, tanta stultitia alienatos, ut credant et dicant, quandam esse
regionem, quae dicatur Magonia, ex qua naves veniant in nubi-
bus, in quibus fruges, duae grandinibus decidunt et tem-
pestatibus pereunt, vehantur in eandem regionem, ipsis vide-
licet nautis aëreis dantibus pretia Tempestariis et accipientibus
frumenta vel ceteras fruges. Agobard. contra insulsam vulgi opinionem
de grandine et tonitruis I. 146 (ed. Baluze).
214) Durch alle Völker geht der Glaube, daß im gebundenen feierlich ge⸗
faßten Wort eine zauberiſche Kraft verborgen ruhe, die zu Segen und Fluch
gedeihlich verwendet werden möge. Von dem rätſelhaften römiſch⸗ſabiniſchen
Zauber gegen Verrenkung, den ſchon der alte Cato (de re rustica 160) anführt,
von den nordiſchen Runen, von den echten ehrwürdigen Merſeburger Heil⸗
ſprüchen bis auf das unverſtändliche Kauderwelſch, mit dem heutigestags, wenn
juſt kein Arzt oder anzeigedrohender Ortsdiener in der Nähe iſt, der ländliche
Viehdoktor den ſuchtkranken Haushund oder das räudige Schaf beſchwört: über⸗
all derſelbe Grundgedanke von der Macht rhythmiſch gebundener Rede. Man
traute eben ehedem der Poeſie Größeres und Praktiſcheres zu als jetzt. —
Vieles an den Formeln iſt ſinnlos geworden, namentlich die geheimnisvollen
Worte am Beginn und Ausgang. Sie haben einſt ihre Bedeutung gehabt; im⸗
poſanter wurden ſie, wie manches andere, wohl von der Zeit an, wo man ſie
nicht mehr verſtand. Wie feierlich klingt das „daries, dardaries, astaries,
Disunapiter!“ mit dem Catos Verrenkungsſpruch ſich einleitet, wie rätſelhaft
das „alau, tahalau fugau!“ in dem lateiniſchen Spruch, der die verirrten
Kloſterſchweine ſegnend zurückbeſchwören ſoll! (Sanktgalliſche Handſchrift 111
bei Hattemer, Denkmale ꝛc. I. 410.) S. überhaupt Grimm, Mythologie
cap. 38.
215) lex Alamannorum tit. 45. „de rixis. quae saepe fieri solent in
popnloe.*
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