Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 8
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8d8 Epiſteln und Reiſebilder. I.

„Un wo no in der Mitternacht
E Gmüet in Schmerz und Chummer wacht,
Se geb der Gott e rüeihige Stund
Un mach di wieder froh und g'ſund,“

dieſen ſang der ſchnöde Nachtwächter nicht; er ſchien ihm nicht
in ſein Syſtem des Nachtwächterns zu paſſen, was ich ihm
ſehr verübelte. Allmählich fand ſich auch noch ein ferneres
Weſen, was mir ein kühles Gaſtzimmerchen im Knopf zur
Verfügung ſtellte.
Wenn einer einen Tag lang bei ſchneidender Kälte und
vielem Schnee teils eiſenbahn⸗, teils omnibusweiſe in der
Welt herumgefahren iſt, dann weiß er den tiefen Zauber des
Spruches, den Marie leichtſinnigerweiſe auf den Oberflächen
weißer Zipfelkappen anbringt, zu würdigen: — „Schlafe, was
willſt du mehr!“ — Ich tat's.
Geträumt habe ich übrigens ſowohl das erſtemal dahier als
ſeithero lediglich nichts; iſt auch gar nicht nötig, hab' ich doch
ſeit dem März 1848 ſo viel geträumt, daß ich noch geraume
Zeit an dem Vorrat zu zehren haben werde. Wenn ich hier
ein Tannenbaum wäre, in dieſem ungeheuerlichen Schnee, dann
würde ich es ſehr paſſend finden, von einer Palme zu träumen
im heißen Morgenland. — —
Nach dieſer unjuriſtiſchen Abſchweifung von Träumen komme
ich in die realſte Wirklichkeit zurück, nämlich aufs Amthaus
zu Säkkingen. Dorthin verfügte ich mich am Montag morgen,
ward vom Oberamtmann, meinem Herrn und Meiſter, günſtig
aufgenommen und gleich in meinen Geſchäftskreis eingewieſen,
den übrigen Beamten vorgeſtellt, beſtehend aus einem Aſſeſſor
Loſinger und einem vorſündflutlichen, uralten Rechtsprakti⸗
kanten Gamber, der einmal hier vergeſſen worden und ſeitdem
auf der Amtsſtube ſtehen geblieben iſt; übrigens ein treffliches
Gemüt; — den Neujahrsabend brachte ich ſang⸗ und klanglos
bei den Honoratioren auf dem Leſeverein zu und zog mich bald
in meine Stube zurück und las noch im alten Hebel, der mir
überhaupt noch manchmal eine Medizin ſein wird.
Von Freud' und Becherklang iſt, glaub' ich, in ganz Säk⸗
kingen nicht viel die Rede geweſen am Neujahrstag; die Schluß⸗
rechnung fürs Jahr 1849 war zur Hervorbringung anderer
Stimmungen viel geeigneter.


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