Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 10
(PDF, 54 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0012
10 Epiſteln und Reiſebilder. I.

deutſche bureaukratiſche Staat kennt nur einfach geweißelte
Wände. Aber der biedere Sinn des Volkes hat hier ergänzend
gewirkt und mit zarten Sprüchen aus dem Hauenſteiner Koran
die kahlen Mauerräume geſchmückt.
Ich ſetze einige bei, wie ich ſie aus der bunten Sammlung
noch im Gedächtnis habe. Alſo z. B.:
„Wenn doch nur ein heiliges Kreuzdonnerwetter das ganze
Amthaus verſchlüge!“ oder
„Allmächtiger Vater, ſchenk doch den Amtsherren einen beſ⸗
ſeren Verſtand, daß ſie die bürgerliche Rechtspflege beſſer füh⸗
ren!“ oder
„Lange warten müſſen macht zornig“ — oder
„Heute iſt Johannes N. von Herriſchried hier geweſen und
hat dem Amtmann tüchtig die Wahrheit geſagt!“ — oder
„Eine Republik wär' halt doch das allerbeſte!“ — oder
„Wenn ſich alles von ſelbſt erledigte, dann wär gut Ober⸗
amtmann ſein!“ u. a. m.
Nachdem wir den Duft aus dieſen Blüten des Volksgeiſtes
eingeſogen, treten wir links zur zweiten Tür ein. (Die Damen
werden gut tun, beim Eintritt ihren Flacon vorzuhalten.) Hier
iſt meine Höhle. Aber ich hauſe nicht allein in ihr. Das
Bezirksamt Säkkingen hat ſich jene Hauptregel der Hiſtorien⸗
malerei, nämlich die möglichſt „ökonomiſche Verteilung der
Figuren im Raume“ gründlich zu eigen gemacht. In dieſer
Stube gehört nur ein Schreibtiſch, ein Aktenfach und ein ge⸗
ringer Flächenraum mir. In einem andern Drittel der Stube
hauſt der eigentliche Herr und Gebieter derſelben, der Amts⸗
diener, und im Reſte derſelben halten ſich in Winterszeit die
vorgeladenen Parteien auf, die Gerichtsboten gehen ab und
zu, die Gendarmen pflegen der Privatunterhaltung mit Seiner
Hochwürden dem Amtsdiener — kurz, es geht hie und da
äußerſt gemütlich zu. Ich bin eigentlich mehr geduldet, als
daß ich etwas zu befehlen habe; im Volksbewußtſein iſt der
Amtsdiener der Hauptinſaſſe. Wenn einer hereinkommt, ſo
heißt es zuerſt mit einem Bückling: „'ſel mich Ihnen, Herr
Hauſer, wie geht's?“ uſw. Dann noch ſo beiläufig zu mir
und dem Aktuar: „Guten Morgen, ihr Herren.“ Das iſt übri⸗
gens von jeher die ſoziale Poſition des Säkkinger Rechtsprakti⸗
kanten geweſen — warum ſollte ich's anders verlangen? Im
Frühjahr hat mir der Herr Oberamtmann eine Überſiedelung


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