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Säkkinger Epiſteln. 11
verſprochen; bis dahin tut mir's vielleicht leid, auszuziehen;
denn die Gewohnheit bringt ja dahin, daß einer in einer Mühle
Pandekten ſtudieren kann und daß ihm etwas fehlt, wenn er
das Geklapper der Räder nicht hört. Ebenſo bin ich jetzt ſchon ſo
vollſtändig in meine Umgebung eingebürgert, daß ich meine,
es könne gar nicht anders ſein. Dazu hat nicht wenig der
Grundſatz des Aktuars beigetragen, den ich mir alsbald ange⸗
eignet habe.
Der pflegt nämlich zu ſeiner Beruhigung bei jeder Tages⸗
zeit und bei jeder Gelegenheit, mag er nun ein und dieſelbe
Verfügung 33 mal abzuſchreiben haben, oder mag ihm ein bie⸗
derer Gaſtfreund eine Flaſche Rheinwein anbieten, den Spruch
anzuführen: „Sei mir heute nichts zuwider!“ und mit
dieſer Parole habe ich denn auch beſchloſſen, mich friſch und
unbeirrt durch alles Liebſame und Unliebſäme'durchzuſchlagen.
In dieſer Höhle nun pflege ich der Krintinal⸗ und Polizei⸗
juſtiz und ſitze des Tags meine 7—8 Stunden, und wenn eine
Unterſuchung einzuleiten iſt, weil einer ſein Brot um 2 Lot
zu leicht gebacken oder ſchnöder⸗ und unbefugterweiſe in ſtiller
Verborgenheit Schnaps ausſchenkt — oder wenn einer ſeinen
Hund ohne Maulkorb laufen ließ, ſo denke ich: Sei mir heute
nichts zuwider! und unterſuche friſch darauf los, als wenn
ſonſt die Welt aus ihren Fugen gehen müßte. — —
Iſt dann das Tagewerk vorüber, ſo geht die arme Seel' ins
Gaſthaus zum Knopf zu Herrn Broglie, trinkt ruhig ihr Bier
aus und wenn die oktroyierte Polizeiſtunde um 10 Uhr abends
eingebrochen iſt, ſo geht ſie mit ihrem Hausherren, dem jungen
Bürgermeiſter, nach Haus und legt ſich aufs Ohr, um morgen
da fortzufahren, wo ſie heute ſtehen blieb.
Von Elementen der Geſellſchaft habe ich bis jetzt entdeckt:
einen Aſſeſſor, einen preußiſchen Offizier, einen Advokaten, einen
Bürgermeiſter, zwei Aktuare und ein paar Schweizer Kaufleute,
die hier eine Fabrik haben. Anderes bleibt vielleicht noch fernerer
Entdeckung vorbehalten. Von Politik habe ich noch kein Ster⸗
benswörtchen reden hören, es denkt hier wohl mancher dabei:
„Vorüber, ihr Lämmer, vorüber, dem Schäfer wird's gar zu.
weh!“ und ſchweigt. Dagegen bringt hie und da einer oder
der andere Hebels Gedichte oder den rheinländiſchen Haus⸗
freund mit, und dann wird ein Tiſch an den Ofen gerückt, und
alles lauſcht den prächtigen alemanniſchen Weiſen oder lacht
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