Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 13
(PDF, 54 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0015
Säkkinger Epiſteln. 13

Amtschirurg Vogelbacher ſetzt ſeine alte Pelzkappe auf und
zieht die großen Pelzohren daran herunter; — denn es iſt gif⸗
tig kalt, und das Amt muß in den Wald fahren.
Bekanntlich hat das Sprichwort „Laßt die Toten ruhen“
keine juriſtiſche Bedeutung, im Gegenteil, wenn einer nur ein
wenig auf abnorme Weiſe das Zeitliche geſegnet hat, ſo kommt
er nicht eher zu ſeiner Grabesruhe, als bis Amt und Phyſikat
ein rieſenhaftes Protokoll über ihn aufgenommen haben, denn
wozu wäre denn das viele Papier auf der Welt, wenn es nicht
verſchrieben werden ſollte?
Diesmal war einem armen Burſchen von Schweighof, der
von einem weiten Weg bei Nacht und Nebel nach Haus wollte,
auf der Grünnenbacher Höh' oben der Lebensgeiſt und die
Kraft zum Weitermarſchieren ausgegangen, und er hatte ſich
aufs Ohr in den Schnee gelegt, um nimmer wieder aufzu⸗
wachen.
Deswegen ſtanden mittags 12 Uhr die Schlitten vor dem
Amthauſe, leichte zweiſitzige Fahrzeuge, und den einen beſtieg
das Bezirksamt, nämlich ich und mein ſchnöder Aktuar, und
den andern beſtieg eine große Pelzkappe, ein Mantel und ein
paar Waſſerſtiefel, und das war das Phyſikat, nämlich der
Amtschirurg Vogelbacher. (Dieſer Biedermann würde eigent⸗
lich eine beſondere Abhandlung verdienen; — z. B. hat der⸗
ſelbe die Bedeutung eines guten Schnapſes zu jeder Tageszeit
ſo tief erfaßt und den Kultus des gebrannten Geiſtes ſo an⸗
dächtig getrieben, daß auf 6 Stunden im Umkreis der durſtige
Menſch, wenn ihn Kälte oder Überzeugung zu einem ähnlichen
Schritt veranlaſſen, nicht mehr ſagt: „Bringt mir einen
Schnaps!“ ſondern, was zugleich viel plaſtiſcher klingt:
„Bringt mir einen Vogelbacher!“)
Und bald knallten die Peitſchen und raſſelten die Schellen,
und fort ſauſten Amt und Phyſikat durch die glatte Schnee⸗
bahn; und fuhren den Rhein entlang bis Oberſäkkingen, dann
ging's links ab, bergan in den Wald hinauf, und noch ein paar
ſchöne Durchblicke durch die Baumgruppen nach dem Rhein⸗
tal und den glatt abgeſchnittenen Schweizerbergen gab's; dann
fuhren wir einem duftigen Nebel entgegen, und bald war die
Ferne verhüllt, und das Auge ſah nur noch die weiten Schnee⸗
flächen, die unvermerkt und ohne beſtimmbare Grenzlinie in
den Horizont übergingen (— ganz dasſelbe Bild in Weiß und


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