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16 Epiſteln und Reiſebilder. I.
Alten rann manche Träne die Wange herunter, bis er die Ge⸗
ſchichte zu Ende erzählt hatte.
Dann die übrigen Angehörigen desſelben.
Nachdem ich ſie mit gutem Troſt und Zuſpruch entlaſſen
hatte, wurde beſchloſſen, die Unterſuchung in Egg fortzuſetzen,
wo die Leute waren, die den Erſtarrten vom Berg herabge⸗
holt und wieder zu beleben verſucht hatten. Und der alte
Balthes Nicker meinte, wann ich wieder einmal zu ihm komme,
dann werden die Matten grüner und die Einquartierungs⸗
ſteuer kleiner ſein, und dann werde mir's beſſer im Wald oben
gefallen. So hab' ich auch gedacht; — aber der Menſch denkt
und der Meyſenharts Joggele lenkt!
An letzteren hatten wir beide nicht gedacht.
Und wieder fuhren die Schlitten in gutem Trabe des Weges
weiter und durch Duft und Nebel und weite Schneefelder in
den alten Willaringer Tannenwald; das war eine Waldein⸗
ſamkeit, der Boden hoch mit Schnee bedeckt, und die Schwarz⸗
waldtannen, gebückt und traurig unter der Schneelaſt, ließen
ihre Äſte hängen, und man ſah's ihnen an, daß ſie einen ſchwe⸗
ren Traum träumten, und ich hätte viel darum gegeben, wenn
ich ein paar Minuten ſo ins innere Mark einer Tanne hätte
hineinſchauen und die Gedanken, die da langſam auf⸗ und
niederſtiegen, herausleſen und entziffern können. Es muß eine
eigene Welt ſein, ſo ein „harziges Tannenbewußtſein.“ —
Ob der Amtschirurg Vogelbacher, als wir durch den Willa⸗
ringer Tannenwald fuhren, dieſelben Wünſche und Gedanken
geheg wie ich, habe ich nachmals nicht in Erfahrung ge⸗
bracht. —
In Egg ließen wir ihn ruhig weiterfahren und ſtiegen zur
Fortſetzung der Unterſuchung im Wirtshaus des Fridolin
Thoma ab, wo die Eiszapfen Mann an Mann vom Dache bis
auf den Boden herabhingen. Es ließ ſich jedoch Bahn durch
dieſelben brechen, und die warme Wirtsſtube nahm uns auf.
Hierher wurde nun männiglich vorgeladen, wer über den Un⸗
glücksfall Auskunft geben konnte, und ein paar Stunden in⸗
quiriert. Dann blieb ich noch eine gute Zeit bei den Leuten
ſitzen und trank und ſprach mit ihnen über dies und das. Es
war eine Hauenſteiner Stube wie auf dem Kirnerſchen Bilde,
um den großen Porzellanofen eine Ofenbank, die man ſonder⸗
barerweiſe „Kunſt“ nennt, und die auch während der Win⸗
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