http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0020
18 Epiſteln und Reiſebilder. I.
haben, eine ganz falſche Wegrichtung einſchlage und hie und
da, wenn er drei oder vier Stunden gelaufen, wieder da an⸗
käme, von wo er ausgegangen — ohne zu wiſſen, warum und
wie. Das habe aber ſeinen Grund gewöhnlich darin, daß es
an ſolchen Orten „nit ſufer ſei“ und daß dort „Einer um⸗
goht.“ In der Nähe von Egg geht auch ſo ein Geiſt um, der
die Leute irreführt.
Da dies unbefugte Irrführen von Leuten im Polizeiſtaat
unmöglich geduldet werden kann, ſo inquirierte ich alsbald ge⸗
nauer inbetreff dieſes in meinem Amtsbezirk umgehenden Gei⸗
ſtes, konnte aber nur ſo viel erfahren, daß derſelbige den geiſter⸗
haften Namen „Meyſenharts Joggele“ führe, und daß ſeine
amtliche Stellung im Geiſterreiche darin beſtehe, mit den Leu⸗
ten von Egg und Umgegend — um einen Stettenſchen Aus⸗
druck zu gebrauchen — „Schindluder zu treiben“. Derſelbe
ſcheint alſo in der nämlichen Branche angeſtellt zu ſein wie
der Poppele von Hohenkrähen und der Rübezahl in Schleſien
— ob er aber Unterſtaatsſekretär oder bloß vortragender Rat
oder gar nur Aſſeſſor oder Volontär in dieſem Departement
iſt, und woher er überhaupt ſtammt, und warum er ſeine ſoziale
Pyſition gerade hier gefunden hat, darüber ſchwieg die Ge⸗
ichte. —
Gegen 8 Uhr abends nahm ich von den Hauenſteinern unter
Verſicherungen gegenſeitiger Hochachtung Abſchied. Der Schlit⸗
ten fuhr luſtig von dannen; kurz vor Egg raſſelten wir zwar
an einen Feldſtein an und brachen ein Stück von der Deichſel
entzwei, allein das war bald repariert, und ich ſah es als
einen Tribut für den Meyſenharts Joggele an.
Allein das war dem ſchnöden Geiſt nicht genug. — Immer
weiter fuhr der Schlitten in die nebelgraue Schneenacht hinein,
und immer ging's gleichmäßig eben fort, und der Poſtillon
meinte, es gehe etwas lang, bis die Straße bergabwärts nach
Säkkingen führe, — und immer geiſterhafter ragten die Tannen
da und dort und knarrte die Schneedecke, aber es ging immer
noch nicht bergabwärts, und Säkkingen erſchien nicht. Und im⸗
mer kälter pfiff die Abendluft, und ſelbſt dem Poſtillon ward
ns problematiſch zumut, wie jenem Mann an der Kanderer
traße:
„Er chunnt vom Weg, er trümmlet hüſt und hott,
Er bſinnt ſi: „Bin i echterſt woni ſott?“
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0020