Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 22
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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22 Epiſteln und Reiſebilder. I.

gerade ein prächtiger, dunkelblauer Himmel über Berg und Tal
und wehte ein halbes Frühlingslüftlein, daß ſelbſt der geſtrenge
Oberamtmann die Verſäumnis der Kanzleiſtunden für ent⸗
ſchuldbar fand. Ein Begleiter war auch bei der Hand, näm⸗
lich der rotbärtige Militärarzt aus Weſtfalen, und alſo wander⸗
ten wir am Mittag des „ſchmutzigen Donnerstags“ über die alte
hölzerne Rheinbrücke hinüber gen Großlaufenburg, er, um
chirurgiſche Inſtrumente zu kaufen, und ich, um eine helve⸗
tiſche Couſine zu ſuchen; — und marſchierten friſch zu, durch
allerlei Maskenſpuk im Dorfe Siſſlen und durch einen großen
Tannenwald, und ſprachen allerlei über deutſche Politik, wobei
ſich herausſtellte, daß unſere Anſichten ſo gleichartig waren wie
die Zwecke, die uns gen Laufenburg führten!
Und nach zwei Stunden hatten wir die Türme des Städtleins
vor uns, und liegt dasſelbe gar ſtattlich in der Höhe des Rhein⸗
ſtrudels und bietet mit der alten gotiſchen Kirche oben auf dem
Felfen und einem alten Stadtwall und mehreren Tortürmen
einen gar ſtattlichen Anblick, von dem ſich mein Skizzenbuch
ſeinerzeit eine Abſchrift nehmen wird.
Nun hauſt aber in Großlaufenburg außer den mir unbe⸗
kannten Größen auch noch eine mir bekannte, nämlich der Pro⸗
feſſor an der Realſchule, Clemens, mit dem ich ſo manches
Stübchen Lichtenhainer in Jena getrunken, und der ein ſo
lammfrommes Geſicht machen kann, daß ihm's niemand an⸗
ſieht, daß er der Verfaſſer der famoſen „Geſchichten, wie man
ſie in Thüringen erzählt“ in den Fliegenden Blättern iſt. Die⸗
ſen wollt' ich zuerſt aufſuchen, auf daß er mir wie ein Johannes
in der Wüſte die Wege bahne zum Herren Fürſprech.
Einen Biedermann, der drei Jahre in Jena ſtudiert hat,
ſucht man, und wenn er in dem entfernteſten Neſt in Europa
wohnte, am ſicherſten zu jeder Tageszeit im beſten Wirtshauſe
dieſes Neſtes auf. Ich dämmere alſo in die Poſt. Richtig ſitzt
mein Krauskopf Clemens hinter ſeinem Schoppen. Ich ſtelle
mich vor ihn hin und ſehe ihn ruhig an, da macht er zuerſt ſein
ernſtes, lammfrommes Geſicht, als wenn er einen Generalſuper⸗
intendenten vor ſich hätte, — aber die Mienen ziehen ſich immer
normaler und jeniſcher, und zuletzt ſchüttelte er mir mit einem
herzlichen: „Ach ſo, du biſt's, alte Jacke? wo führt dich der
Teufel her?“ die Hand.
Und nun ging's los, und war ein förmliches Feuerwerk


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