http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0034
32 Gpiſteln und Reifebilder. I.
ſtück verlängerte ſich bis tief in den Abend auf gründlich ger⸗
maniſche Art, denn der weiſe Mann, ſagt Börne, frühſtückt zu
jeder Tageszeit. Da war's mit dem Schreiben wieder nichts,
ſonſt hätte ich an jenem Tag Dich verſichert, wie dieſe zarte
und einem tiefgefühlten Bedürfnis abhelfende Sendung mich
von neuem nötige, Dir den Ausdruck meiner vorzüglichen Hoch⸗
achtung zu Füßen zu legen.
Zum Glück für die Fortſetzung meiner Epiſteln iſt aber heute
gerade ein ſo epiſtolariſches Wetter draußen, daß ich mich ganz
behaglich in meinen vier Wänden dem Schreiben ergeben kann;
der Winter, der vor ein paar Wochen geträumt und ſich den
Frühling mit Schneeglöcklein und Schmetterlingen ganz hat
über den Kopf wachſen laſſen, iſt wieder wild geworden und
ſchüttelt die Schneeflocken ganz ſtürmiſch durcheinander. Drum
will ich Euch heut wieder etwas erzählen, und da weiß ich für
diesmal nichts beſſeres, als Euch den letzten Sonntag vor
14 Tagen, wo in der hieſigen Stiftskirche und außerhalb das
große Feſt des Schutzheiligen Sankt Fridolin gefeiert wurde,
vor den Augen vorüberzuführen.
Es war ein heller, blauer Sonntagmorgen übers Rheintal
aufgegangen, als ſchon in der Frühe Böllerſchüſſe und Glocken⸗
geläute das Feſt des Schutzpatrons verkündeten. Und allmählich
füllten ſich die Straßen von Säkkingen und vor allem der Platz
vor der Stiftskirche; vom Wald herab kamen die Hauenſteiner
und andere „Wälder“ geſtiegen, und was im Rheintal unten
wohnt, und aus der Schweiz drüben, vom Fricktal und aus dem
Aargauiſchen kam's herbeigeſtrömt, und in der fremdartigen
Tracht manches Maidlis oder Biedermanns warzuerſchauen, daß
auch entferntere Bezirke, Lörrach, Müllheim uſw. ihre Mann⸗
ſchaft ſtellten. Und in buntem Gewimmel wogte da die Menge
auf dem Marktplatz auf und ab; — keine Offenburger Ver⸗
ſammlung mit Baſſermanniſchen Geſtalten, Heckerbärten und
die ſchwanke Hahnenfeder auf dem Schlapphut, lauter friedliches
Landvolk im Sonntagsgewand. Da waren meine guten Freunde,
die Wälder, im roten Tſchoben und ſchwarzen Samtrock, und
mancher ſchmucke Burſch war drunter, wie ſelbiger beim Hebel:
„Aber ſchöner as er iſch Kein dur's Wieſetal gewandlet,
Chruſi Löckli hat er g'ha un Auge wie Chole,
Backe wie Milch und Bluet un rundi, chräftige Glieder.“
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0034