Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 34
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34 Epiſteln und Reiſebilder. I.

ſich zuletzt ganz heiſer; o Fridolinus, Friedensprediger, zu
deinen Ehren ward mit Pauken und Drommeten Krieg gepre⸗
digt! Aber die Menge lauſchte lautlos; der Redner wußte
wahrſcheinlich beſſer als ich, was man hiezulands für eine Sorte
geiſtlichen Tabak rauchen muß.
Dann kam das feierliche Hochamt, und gar lieblich rauſchten
die Töne der alten Kirchenmuſik und der Geſang durch die
hohen Räume; — und mancher verklungene Klang aus alten
Zeiten ward wieder wach in mir; — trotz alledem und alle⸗
dem bleibt's wahr, daß der katholiſche Kultus etwas Mark⸗
und Beindurchſchütterndes hat und behalten wird bis ans Ende
der germaniſchen Weltgeſtaltung.
Und gegen 11 Uhr wurde in feierlicher Prozeſſion der Sarg
mit den Reliquien Fridolini über den Platz und um die Stifts⸗
kirche herumgetragen, voraus die weißgekleideten Mägdlein
von Säkkingen mit der großen Madonnafahne, dann die Kir⸗
chenälteſten und die Geiſtlichkeit in Pontificalibus, und der
Bürgermeiſter, trotzdem er auch ein halber Ketzer iſt, trug auch
gar frömmiglich die weiße Kerze, und ſogar die preußiſche Mili⸗
tärgewalt hatte 30 Jäger in Paradeanzug mit großem, ſchwar⸗
zem Reiherbuſch auf der Pickelhaube zur Begleitung der Pro⸗
zeſſion beigeordnet.
Und langſam bewegte ſich der Zug durch die dichtgeſcharten
Maſſen Volks, die ſo gedrängt auf dem Platze ſtanden, daß
man auf den Köpfen hätte ſpazieren gehen können; — und an
der alten Fridolinslinde vorüber, wo ſich einſt Fridolinus trüb⸗
ſelig unter freiem Himmel ſchlafen gelegt hatte, weil ihn der
damalige Wirt zum goldenen Knopf, ein ſchnöder Heide, zur
Herberge hinausgeworfen hatte, um die Kirche herum, und feier⸗
lich war's anzuſchauen, wie alles mit entblößtem Haupte die
Knie bog, als ſchließlich der Segen erteilt wurde. Dann aber
ward ein fröhlicher Tuſch geblaſen, und man zerſtreute ſich.
Wie ſich die verſammelte Menge die Weltentſagung zu Her⸗
zen genommen hat, die ihnen der gewaltige Prediger gepredigt,
wird ſpäter noch erhellen; vorerſt ging's nach germaniſcher
Sitte nach allen Seiten hin in die Wirtshäuſer. —
Ich ſelber feierte den Fridolintag noch weiter. Den deut⸗
ſchen Grundrechten gemäß, welche die Kirche freigegeben haben,
habe ich mir meine eigene Kirche gebaut und meinen eignen
Kultus geſtiftet, und der hauſt nicht innerhalb vier geweihter


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