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Säkkinger Epiſteln. 37
in ihnen iſt beim guten Trunk auch manch gutes Volkslied ge⸗
wachſen und in die Welt hinausgejauchzt worden. Heute wollten
wir auch dort noch die Fridlinspilger ſchauen und Studien an
Lebenden machen. O du ſchönes Brennetwirtshaus am Abend
des Fridlinifeſtes! Da ſaßen ſie in langen Reihen und freuten
ſich, wie homeriſche Helden, des Trunks und lieblich duftender
Speiſen; — und eine Prämie vom beſten Faß Norſinger auf
10 Nüchterne geſetzt, man hätte ſie ſo wenig finden können als
der Engel die 10 Gerechten in Sodom. An einem Tiſche ſaßen
drei wackere Fuhrleute. — Fuhrleute, ein Schlag Menſchen,
die nächſt den Hausknechten ſehr hoch in meiner Achtung ſtehen!
Prächtiges Leben, ſo auf der Heerſtraße landauf landab fahren,
einen Strauß am Hut und bei den Kellnerinnen wohlgelitten
und manchem Hausknecht innig befreundet; und des Abends
in der Schenke, wenn ſie's einander zubringen:
Stallbruder mein! Du biſt wohl wert,
Daß man dich auf'm Altar verehrt,
Haſt ein paar Wängelein
Wie ein Rubin,
Augen wie Schwarzenſtein,
Zähne wie Elfenbein,
Biſt ein gar kluger Kerl, —
Wie ich es bin. —
Wie geſagt, ich liebe die Fuhrleute! Und wie germaniſch die
drei ihren Abendimbiß verzehrten! Den Ellenbogen auf den
Tiſch geſtützt, vor ihnen eine Schüſſel, rieſenhaft mit Koteletts
gefüllt, da ſtach jeder mit der Gabel hinein und ſich ein ganzes
Rippenſtück heraus, und zum Mund geführt, die Gabel weg
und am Knochen das Stück gehalten und abgenagt: — was iſt
alle Kultur und Form gegen dieſe primitive Fuhrmanns⸗Ur⸗
ſprünglichkeit?
Am andern Tiſch ſaßen die ledigen Burſche mit den Maid⸗
lin, und da wurde geſungen, daß es eine Freude war, und aus
viel modernem Geleier ſchaute da und dort noch eine rechte Me⸗
tallſtufe vom Volkslied heraus, und mein polizeiliches Gemüt
ward nicht bös, als einer ſang:
Hab' all mein Tag kein gut getan,
Hab's auch noch nicht im Sinn;
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