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Säkkinger Epiſteln. 39
Als wir aber ein paar Tage ſpäter mit dem Pfarrer von
Oflingen zuſammentrafen und ihn baten, die Geſchichte vom
Harpolinger Schloßfräulein fertigzuerzählen, und als er am
ſchiefgezogenen Mund des Fragenden merkte, daß das ein Stich
auf ſeinen Seelenzuſtand am Fridlinifeſt ſein ſollte, da erwi⸗
derte er ernſt und würdig: „Sie werden mir doch keinen Vor⸗
wurf machen wollen, bin ich doch weder mit der Fridlinipro⸗
zeſſion gegangen, noch hab' ich eine ſo gewaltige Predigt ge⸗
halten wie einſt der Herr vom Sinai unter Sturm und Gewit⸗
tern; aber daß der Säkkinger Feſtredner ſelber, der noch am
ſelben Tag heimfahren wollte, ſich in Kleinlaufenburg feſtge⸗
trunken hat, das kommt mir ein biſſel arg vor!“ —
Soviel vom Fridolinifeſt. Was bleibt auch viel anderes
übrig, um ſich daran zu erquicken, als unſer Volk, wie es leibt
und lebt, und die Natur draußen. Oder hätt' ich Euch erzählen
ſollen, wie die langweiligen Bürgermeiſter und Staatsbeamten
hier zuſammenkamen und ſo einmütig und ſtillzufrieden nach
Erfurt wählten, als wenn dort der Lebensbalſam für Altdeutſch⸗
land geſchaffen würde? oder wie ich ſelber, eine wahre Ironie
auf mich, in meiner Höhle hauſe und im Namen des Rechts und
der Ordnung Leute einſperre? — das behalte ich lieber für
mich und ſag's niemand weiter. —
Sechſte Epiſtel in die Heimat.
Säkkingen, den 28. April 1850.
(Worin von einem ſonderbaren Thema, nämlich von der Poeſie der Polizei die
Rede iſt.)
Es gibt allerlei ſonderbare Wahlverwandtſchaften; gewöhn⸗
lich meint man, daß Juriſterei und Poeſie nach verſchiedenen
Weltteilen hin auseinanderlägen; Jakob Grimm aber hat ſchon
nachgewieſen, wieviel Poeſie im Recht liegt, und wer die alt⸗
deutſchen Rechtsbücher und Weistümer lieſt, der ſtimmt mit
ihm überein. Über die Poeſie in der Polizei dagegen hat bis
jetzt die gelehrte Welt keine Aufſchlüſſe erhalten, vielleicht nichts
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