Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 40
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40 Epiſteln und Reiſebilder. I.

davon geahnt; ich benutze den nebligen Sonntag heute, um
dieſe fühlbare Lücke in der Literatur auszufüllen, — es dient
zugleich als nähere Aufklärung über meine „geſellſchaftlichen
Umgangs⸗ und ſonſtigen Verhältniſſe“, für die ſich Vater in
ſeinem heutigen Schreiben näher intereſſiert.
Ich hab' ſchon oft darüber nachgedacht, welcher Ironie des
Schickſals ich antipolizeiliches Gemüt es zu verdanken habe,
daß ein Hauptteil meiner hieſigen Tätigkeit in der Beſorgung
der Polizeigeſchäfte beſteht, — und hab' mich zuletzt dabei be⸗
ruhigt, daß es eine diesſeitige Nemeſis gibt, und daß mir da⸗
durch der große, polizeiwidrige Unfug vergolten wird, den ich
als Heidelberger Student mit Nachtſchwärmen, Laternenein⸗
werfen, Kirchhofmauerndemolieren, Leuteerſchrecken uſw. ver⸗
übt habe. Wie ich aber neulich am Schluß des Vierteljahres
die Tabelle über ſämtliche Polizeiunterſuchungen aufſtellte, da
ward mir klar, daß auf der Schaubühne meiner Amtshöhle
ſchon manches Stück realer Poeſie an mir vorübergegangen
iſt, und warum ſollte es nicht? Polizei und Poeſie ſind eigent⸗
lich in ihrem Gegenſtand identiſch, — beide haben es mit den
Abnormitäten des Lebens, mit dem über die breite Heerſtraße
des Gewöhnlichen Ausſchweifenden zu tun; nur iſt die Be⸗
handlungsweiſe etwas verſchieden; ein und derſelbe Gegen⸗
ſtand kann vom polizeilichen Standpunkte bei Waſſer und Brot
in den Turm geſteckt und vom dichteriſchen mit lyriſchen Flöten⸗
tönen verherrlicht werden.
Wenn ich Euch ein paar Geſtalten aus meinem offiziellen
Umgang vorführe, ſo wird Euch deutlich werden, in welch ge⸗
wählter, poeſiereicher Geſellſchaft ich mich bewege. — Alſo —
was bringt der Gendarm heute für ein „Subjekt?“ Ach Gott,
wie klaffen die Schuhe, wie ungeniert ſehen die Zehen durch
die Lücken des Schuhs und die Ellenbogen durch die unfreiwilli⸗
gen Offnungen des Ärmels in die Welt hinaus! Und was für
ein ſtillvergnügtes Geſicht macht das Subjekt!
Was iſt ſein Verbrechen? „Zweckloſes Umhertreiben!“ Land⸗
auf, landab iſt er gefahren und hat eigentlich ſelbſt nicht ge⸗
wußt, warum, — die weite Welt iſt eben ſo ſchön — und wo
unſer Herrgott an einem Wirtshauſe mit dem Arm winkt, da
iſt er eingekehrt, und einen Heimatſchein hat er nicht, den hat
er dem ſchnöden Wirt als Pfand für die letzte Zeche, die er
nicht zahlen kunnte, zurücklaſſen müſſen. Und was kann er


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